2011 Aus Paul Celans Bibliothek Die ›Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg‹ (alim) feiert 2010 ihren 30. Geburtstag Kasimir Edschmid. Der Expressionist Henry Kissinger in Marbach Neuerwerbungen der Bibliothek Neu fotografiert: Hedwig und Samuel Fischers Fotoalben Vom Denken mit der Hand. Max Bense zum 100. Marbacher Weihnachtskarte 2009: Johann Peter Hebel zum 250. Leben mit verschiedenen Sprachen 1: Adalbert von Chamisso Leben mit Literatur: Martin Heideggers Lektürefunde Leben mit Schiller: Johann Heinrich Voss der Jüngere an Karl Solger Totengespräch aus dem Archiv. Briefe von Heinrich von Kleist und Ulrike Meinhoff NEU IM ARCHIV: Strandgut aus Bernhard Schlinks Vorlass NEU IM ARCHIV: Die Bibliothek von Reinhart Koselleck Vor der Edition: Kesslers Weltreisealben NEU IM ARCHIV: Nelly Sachs. Letzte Dinge aus Stockholm Zum Jahreswechsel: Wie viele Gedanken haben auf einer Seite Platz? Zwei Stücke von Jean Paul und Laurence Sterne NEU IM ARCHIV: Aus Ernst Jüngers Wilflinger Bibliothek Entsperrt: Ingeborg Bachmann an Paul Celan NEU IM ARCHIV: Alfred Anderschs Manuskript »Vater eines Mörders« NEU IM ARCHIV: Neun frühe Collagen von Ror Wolf Punktum zu Kafkas 125. Geburtstag Wahnsinnszeichen. Ein Scardanelli-Manuskript, das mit der Post kam, und andere Zufälle NEU IM ARCHIV: Stefan Zweigs »Ungeduld des Herzens« NEU IM ARCHIV: Peter Handkes Tagebücher

2011

2011 waren unter anderem die Marbacher Exilbestände, Ilse Aichinger,  Luise Rinser, Norbert von Hellingrath, Uwe Johnson, Lou Andreas-Salomé und Thomas Strittmatter Gegenstand der Ausstellungen in der Passage.

Aus Paul Celans Bibliothek

15.11.-10.12.2010 | Paul Celan (1920-1970) wäre am 23. November 2010 neunzig Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass zeigt die Marbacher Passage ausgewählte Bücher seiner Bibliothek, die sich als Teil seines Nachlasses seit 1990/92 im Deutschen Literaturarchiv Marbach befindet und zurzeit mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft katalogisiert wird. Ziel ist eine Rekonstruktion von Paul Celans ursprünglichem Buchbesitz: Im Laufe des auf zwei Jahre angelegten Erschließungsprojektes werden die knapp 4.500 Bände verzeichnet, die in Marbach überliefert sind. Außerdem werden für etwa 1.700 Bände, die sich nicht in Marbach befinden, virtuelle Katalog-Aufnahmen angelegt. Für die Ausstellung wurden Bände ausgewählt, die sich durch außergewöhnliche Einlagen oder Lesespuren auszeichnen: So enthalten viele Bücher von Paul Celan getrocknete Blumen und Blätter, Zeitungsausschnitte, Metrotickets oder Briefe. In einige notierte er Gedichtentwürfe und Übersetzungen, etwa in Adolf Fallers Anatomiebuch Der Körper des Menschen (1966) die ersten Fassungen der Gedichte Nah im Aortenbogen und Komm. Viele Texte sind mit Anstreichungen und Randnotizen versehen. Eine bei Paul Celan seltene Randzeichnung, ein Schiffchen, findet sich in Theodor Pliviers Roman Des Kaisers Kulis (1930), gelesen im Mai 1953. Die Exponate zeugen vom Leben und Wirken Paul Celans und werden hier fast alle zum ersten Mal gezeigt.
Texte und Exponatauswahl: Arno Barnert und Katja Buchholz

Die ›Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg‹ (alim) feiert 2010 ihren 30. Geburtstag

4.9.2010 – 29.10.2010 | Die ›Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg‹ ist seit 1980 auf der Schillerhöhe angesiedelt. Im Kulturbetrieb der Bundesrepublik sucht sie ihresgleichen. Vom Land mit einem eigenen Etat ausgestattet, ist es ihre Aufgabe, den deutschen Südwesten als lebendige historische Literaturlandschaft sichtbar zu machen.
Die Marbacher Passage zeigt die Arbeitsgebiete der alim und ihre Entwicklung: 1) Derzeit unterstützt die alim etwa einhundert literarische Dauerausstellungen literaturwissenschaftlich, museumsdidaktisch und finanziell. Mehr als sechzig dieser Ausstellungen hat sie bislang selbst gestaltet oder mitkonzipiert. 2) Seit 1988 illuminiert die bibliophile Reihe ›Spuren‹ viermal im Jahr Orte in Baden-Württemberg als Schauplätze der Literaturgeschichte und setzt so Stein um Stein das Mosaik einer reichen und farbigen Literaturlandschaft zusammen, in der sich Ereignisse der Weltliteratur und solche mit eher regionaler Strahlkraft ergänzen. 3) Seit 2008 machen die literarischen Radwege ›Per Pedal zur Poesie‹ die Landkarte Baden-Württembergs auf neue Weise erfahrbar und schlagen eine Brücke zwischen Hochkultur und Tourismus.

Kasimir Edschmid. Der Expressionist

9.8.-1.9.2010 | Kasimir Edschmid (1890-1966) war Lyriker, Novellist, Essayist, Romancier, Biograf und Reiseschriftsteller. Bekannt wurde er jedoch vor allem durch sein Wirken im literarischen Expressionismus. Die Marbacher Passage zeigt ausgewählte Stücke aus einer Nachlieferung zum Nachlass, die Edschmids expressionistische Seite zeigen, vom Wegbereiter zu Beginn bis zum Zeitzeugen am Ende seines Lebens.
Text und Exponatauswahl: Petra Weiß

»Das Unglück des begabten Kindes«. Die Geschwister Hartlaub auf dem Weg zum Schreiben

Anlässlich der ZEITKAPSEL 21 am 9. Juni 2010 stellen JASMIN HAMBSCH und NIKOLA HERWEG bislang unbekannte Zeichnungen und Texte von Geno und Felix Hartlaub vor.

Der Genius im Kinde heißt die Studie, in der der Kunsthistoriker Gustav Friedrich Hartlaub zum ersten Mal ein Bild seines Sohnes Felix veröffentlicht. Den ›Genius‹ in seinen Kindern zu fördern, war Programm; ein Programm, dem sich die Geschwister Felix und Geno Hartlaub nicht ohne Widerspruch unterwerfen. Felix wird in der Familie Hartlaub als Genie gehandelt. Sein Vater regt ihn immer wieder zur Produktion von Zeichnungen, Gedichten und Erzählungen an; diese Förderung empfindet der Sohn jedoch auch oft als Hemmnis. Es gibt nur wenige Texte, die nicht Fragment geblieben sind. Das Werk des in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verschollenen Felix Hartlaub wird erst nach dessen Tod durch Schwester und Vater veröffentlicht. Auch Geno - eigentlich Genoveva - wird Genie zugesprochen, allerdings lässt ihr die Rolle des phantasiebegabten »Naturkindes« mehr Freiheit. Der Vater wird ihr zeit­weise zum unentbehrlichen Mitarbeiter, zum Beispiel bei der Publi­ka­tion der Erzählung Noch im Traum, die sie während ihrer Zeit als Flak­helferin in Norwegen fertig stellt. In einer Sammlung autobio­graphi­scher Texte thematisiert sie allerdings den Loslösungsprozess von Vater und Bruder als Voraussetzung für das Schaffen eines eigenständigen Werkes: Sprung über den Schatten. Orte, Menschen, Jahre  erscheint 1984.


Henry Kissinger in Marbach

Zum 6. Mai 2010 | Stücke aus dem Archiv zur Eröffnung der Ausstellung Deutscher Geist. Ein amerikanischer Traum? mit dem ehemaligen Außenminister der USA.
Auswahl und Text: Frank Druffner

Neuerwerbungen der Bibliothek

ab 1.4. 2010 | Das Jahr 2009 war für die Bibliothek außerordentlich reich an herausragenden Einzelerwerbungen, von denen sechs gezeigt werden, die nicht nur kostspielig, sondern auch rar und zum Teil einzigartig sind: Die Lyrischen Gedichte (1772) von Karl Wilhelm Ramler, einem notorischen Verbesserer, tragen fast auf jeder Seite die überaus kritischen Spuren seines Freundes und Herausgebers Leopold Friedrich Günther von Goeckingk. Aus Wiener Besitz stammt das äußerst seltene Exemplar der Maria Stuart mit einer Widmung Schillers für den Stuttgarter Kupferstecher Johann Gotthard Müller; in Marbach findet es zurück zum Brief, mit dem Schiller das Geschenk ankündigt. Die Erstausgabe von Steputats bis heute geläufigem Reimlexikon hat viele handschriftliche Ergänzungen durch Kurt Tucholsky erfahren (s. Foto); die absonderliche Liebesgeschichte Die Tigerin (1925) von Walter Serner in der auffallenden Umschlaggestaltung von Hans Bellmer, zeitigte eine abenteuerliche Wirkungsgeschichte. Mit Döblins Dissertation Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose (1905) sind nun alle Erstausgaben des Autors und Nervenarztes vorhanden. Dass Paul Celan unter dem Pseudonym A. Pavel das propagandistische antiamerikanische, prorussische Theaterstück von Constantin Simonov, Die russische Frage, übersetzt hat, darin ist sich die Celan-Forschung sicher, auch wenn der Dichter diese Auftragsarbeit nirgendwo erwähnt.
Auswahl und Text: Jutta Bendt

Neu fotografiert: Hedwig und Samuel Fischers Fotoalben

18.2. bis 2.4.2010 | 1934, nach dem Tod von Samuel Fischer, schrieb Thomas Mann in sein Tagebuch: »Ein Stück meines Lebens und ein gutes Stück deutschen Lebens geht mit dem kleinen Juden, der ein Glückskind und eine Art von Genie war, ins Grab«. Ein Stück von Thomas Manns Leben war der Verleger in der Tat. Der Zweiundzwanzigjährige hatte 1898 nicht nur sein erstes Buch bei Fischer veröffentlicht (Der kleine Herr Friedemann) und dort später für ungeheure Erfolge gesorgt (allein von der Volksausgabe der Buddenbrooks wurden 1929, nach Manns Nobelpreis, in zwei Monaten über 700.000 Exemplare verkauft); er wurde auch, als sei er Teil der Familie, neben wenigen anderen Schriftstellern des Verlags wiederholt in die privaten Fotoalben der Fischers aufgenommen. Seite an Seite mit Säuglingen, Silberhochzeiten und neckischen Scherzbildern, beim Skifahren oder Baden, Wandern oder Rauchen, in Arosa, Sils Maria und Altaussee, im Grunewald, in Rapallo, am Lido, finden sich dort vor allem, meist in schönster Schnappschuss-Pose: Felix Salten (wie seine Ehefrau und das Ehepaar Fischer mitten auf einer Gebirgswiese mit gespielter Biedermannmiene auf einen Stuhl gesetzt), Gehart Hauptmann (seit 1890, vier Jahre, nachdem der 26-jährige Fischer den Verlag gegründet hatte, Hausautor), Jakob Wassermann, Arthur Schnitzler, Hermann Hesse (seit 1903 bei Fischer) und einmal, in Sankt Moritz, auch der Physiker Albert Einstein, gern gesehener Gast in Fischers Berliner Villa. Diese Familiarisierung großer Autoren gehört ursächlich zur Erfolgsgeschichte der Verlegers Fischer wie zum besonderen Reiz dieser Alben. Zur Vorstellung von Barbara Hoffmeisters Biographie über Samuel Fischer am 22.2.
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

Vom Denken mit der Hand. Max Bense zum 100.

20.1. bis 12.2.2010 | Es gibt immer mehrere Möglichkeiten, Texte zu lesen. Das ist das Schöne an der Literatur wie an der Wissenschaft, die sich mit ihr beschäftigt und gerade da, wo sie auf mathematische Präzision und Berechenbarkeit zielt, der Fantasie neue Freiräume erschließt. Max Bense, der am 7. Februar 100 Jahre alt geworden wäre, hat das wie kaum ein anderer zum Gegenstand seiner Schriften gemacht – und mehr als das: Schaut man sie sich im Archiv, in den von Benses so gern verwendeten kleinen und meist bunten Notizkalendern, aber auch in seinen Manuskripten an, so zeigt sich das kreative Potential der Mathematik in seinem ganzen Ausmaß. Zahlen, Gleichungen, Pfeildiagramme und geometrische Schaubilder gewinnen in ihnen eine oft überbordende Eigenständigkeit. Es ist nicht eindeutig zu sagen, was sie sind. Als Teil des Textes zu lesende Wörter und Sätze, als Elemente einer These zu begreifende Argumente oder (Anschauungs-)Hilfe beim Denken, Übersprungs- und Entlastungshandlungen des Schreibens? Ursache oder Resultat einer Theorie? Übersetzung eines Gedankens in ein mathematisch vorbelastetes Bildzeichen? Eine selbständige und durch nichts zu ersetzende Sprache? Fortsetzung didaktischer Tafelaufschriebe? Zeilen eines endlosen, ja unendlichen Programms der Sprache und besonders: der schönen Sprache? Indiz für das Eindringen der graphischen und numerischen Welt in die des Alphabets, Notationen, konkrete Poesie oder aber Graffiti? Oder alles auf einmal? In Kooperation mit dem IZKT Stuttgart. Eines der Exponate, Benses Rotbuch zur Textsemiotik, ist am 5.2.2010 entfaltet und vergrößert im Rathaus Stuttgart zu sehen.
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

Marbacher Weihnachtskarte 2009: Johann Peter Hebel zum 250.

16.12.2009 bis 14.1.2010 | Eine stille, dunkle Nacht lang lässt er auf sich warten, der Morgengruß des neuen Jahres, um schließlich mit umso größerer Strahlkraft den auch sprachlichen Neubeginn einzuläuten: »Der Tag isch do, der Mond vergoht, / und d’Sunne luegt ins Morgerot.« Doch was so selbstverständlich daherkommt – als schreibe Hebel einfach nur in seiner eigentlichen Muttersprache, dem Alemannischen –, ist harte Arbeit. Bevor er in seiner Mundart Gedichte schreibt, studiert er das Alemannische wie eine fremde, ausgestorbene Sprache: »Ich studire unsere oberländische Sprache grammatikalisch, ich versifivire sie herculeum opus! in allen Arten von metris, ich suche in dieser zerfallenden Ruine der altdeutschen Ursprache noch die Spuren ihres Umrisses und Gefüges auf, und gedenke bald eine kleine Sammlung solcher Gedichte mit einer kleinen Grammatik und einem auf die Derivation weisenden Register der Idiotismen in die Welt fliegen zu lassen« (am 6. Februar 1801 an Wilhelm Friedrich Hitzig über das Werk, das er zwei Jahre später unter dem Titel Alemannische Gedichte veröffentlichen wird). Indem er das Poetische im Alemannischen ausbildet, will er es »classisch« machen, ihm »Celebrität« ersingen (an Hitzig, 4. November 1808) und zugleich einen romantischen Traum verwirklichen, den von der Volkspoesie: »Für Freunde ländlicher Natur und Sitten eignet diese Gedichte ihr Innhalt und ihre Manier. Wenn Leser von höherer Bildung sie nicht ganz unbefriedigt aus den Händen legen, und dem Volk das Wahre, Gute und Schöne mit den heimlichen Tönen und vertrauten Bildern lebendiger und wirksamer in die Seele geht, so ist der Wunsch des Verfassers erreicht«, heißt es 1803 im Vorwort der Alemannischen Gedichte.Hebel kommt bei seinem Wunsch das literarische Verfahren der Verfremdung zu Hilfe. Nichts sieht fremder aus als der in Schrift übersetzte Dialekt. Nichts fordert vom Leser mehr Bereitschaft zum lauten und nicht alltäglichen, zum künstlichen Sprechen. Auch für ihn, nicht nur für den Autor ist die Begegnung mit Mundart in der Poesie eine Begegnung mit einer Fremdsprache. Um überhaupt verstehen zu können, was da steht, muss er die einzelnen Silben sprechen und über den Klang den Sinn erschließen, um am Ende zu entdecken, dass er diese Sprache aus dem Volksmund kennt, sie vielleicht sogar selber spricht. So wie jeder erste Tag eines Jahres eine ganz neue Erfahrung verspricht, obwohl und weil er ein Ritual wiederholt und ist wie jeder erste Tag im Jahr und jeder neue Morgen.
Auswahl und Text: Ellen Strittmatter

Leben mit verschiedenen Sprachen 1: Adalbert von Chamisso

2.11. bis 11.12.2009 | »Sprachen muß man noch als Kind lernen und hat dann dazu die beste Zeit«, rät Adelbert Chamisso seinen Freund Louis de la Foye 1805 für die Erziehung seines Sohnes: »Deutsch muß er spielend und plaudernd und lesend mit Dir lernen, ganz wie französisch, und Du mußt ihn auch gelegentlich daran gewöhnen, richtig zu sprechen und zu schreiben; Griechisch und Latein aber studierend und auf’s Teufelhol’ auswendig lernend vier griechische Worte  etc.; auch gewöhne ihn, bei welcher Gelegenheit es auch sei, die Feder zu führen und seine Sprache zu schreiben.« Chamisso selbst, in Frankreich geboren und mit dreizehn Jahren im Zuge der Revolutionswirren nach Deutschland gekommen, denkt, wenn er die Feder führt, in den verschiedensten Sprachen: den Mutter- und Bildungssprachen ebenso wie den Ursprachen der Menschheit, die seine Zeit entdeckte. Der kleine Marbacher Chamisso-Bestand ist ein Füllhorn makkaronisch anmutender Sprachenvielfalt. Er zeigt – sei es in Briefen an Karl August Varnhagen, Wilhelm Neumann und Friedrich de la Motte Fouqué, den lateinischen Beschriftungszetteln seiner Herbarien, einer im Zuge seiner Weltumseglung 1815–18 entstandenen Studie Über die Hawaiische Sprache oder einem unveröffentlichten, 1808/09 nach Molières Arzt wider Willen geschriebenen Lust- und Possenspiel Der Wunderdoktor, in dem ein verstummtes Mädchen durch das Aussprechen von Urlauten wieder seine Sprache findet – alles, was zum Sprachenlernen gehört: vom Lautsprechtraining über idiomatische Übungen hin zur Erkundung fremder, außereuropäischer Lexik und Grammatik. Anlässlich der Tagung "Chamisso - wohin? Über die deutschsprachige Literatur von Autoren aus aller Welt", 25.11 bis 27.11.2009.
Auswahl und Text: Ellen Strittmatter 

Leben mit Literatur: Martin Heideggers Lektürefunde

9.10. bis 30.10.2009 | Es ist kein Zufall, dass Martin Heidegger am 2. September 1970, kurz bevor seine berühmten Hölderlin-Studien in der vierten Auflage in den Druck gehen, von seinem Verleger Vittorio Klostermann einen Brief empfängt, dem ursprünglich eine Abbildung vom Modell des geplanten Marbacher Archivbaus beigelegen haben muss. Auf der Suche nach einem idealen Platz für seinen Nachlass steht Heidegger bereits mit Marbach in Verhandlungen. Hier, am Ort der Literatur, möchte Heidegger seine Notizen, Manuskripte, Briefe und Bücher bewahrt wissen, die – vom Geschenk über die Abschrift hin zum eigenen Werk – nicht selten von der Begegnung mit dieser Literatur zeugen. »So muß ich Sie denn bitten, aus diesen Zeilen Dank und Freude zu vernehmen, die mich stets neu erfüllen, wenn ich der unmittelbaren Nähe des Dichters in der Handschrift begegnen darf«, schreibt Heidegger am 16. November 1952 an Ludwig von Ficker, der ihm als Dank für einen Vortrag über Trakl das Manuskript des Gedichtes Afra geschenkt hatte: »die Erstfassung des Gedichtes, leider mit Bleistift geschrieben, aber eines der wenigen noch mit Trakls Namen darauf«. Andere Gedichte – Sils-Maria von Gottfried Benn oder Rainer Maria Rilkes Wie die Natur die Wesen überlässt … – schreibt Heidegger (in einer augenscheinlich an Trakl geschulten Handschrift) ab. Seiner wohl größten Lektüre-Entdeckung, der Lyrik von Friedrich Hölderlin, gelten ein Vorlesungsmanuskript vom Wintersemester 1941/42 und das zugehörige später verfasste Typoskript: Seinen potenziellen Mitlesern möchte er damit »Zeichen des Aufmerkens, Haltepunkte für die Besinnung« an die Hand geben. Anlässlich der Tagung »Heidegger und die Literatur«, 9.10. bis 11.10.2009.
Auswahl und Text: Ellen Strittmatter



Leben mit Schiller: Johann Heinrich Voss der Jüngere an Karl Solger

9.9. bis 7.10.2009 | Von 1804 bis 1806, als er Lehrer am Weimarer Gymnasium war, lebte Johann Heinrich Voß, der Sohn des gleichnamigen Dichters und Homer-Übersetzers, Tür an Tür mit Goethe und Schiller: Er ist ein gerne und oft gesehener Gast im Goethehaus, geht bei Schillers ein und aus, diskutiert mit beiden eifrig seine eigenen Übersetzungen aus dem Englischen, von Shakespeares Othello vor allem, sitzt am Krankenbett des einen und übernimmt die Nachtwachen beim anderen; am Ende erscheint ihm der tote Schiller als leibhaftiger Dichterfürst – so schildert er es zumindest lebhaft in den zahlreichen Briefen an seinen Studienfreund Karl Solger. Anlässlich des Schillerjahrs 2009 und der Vortagsreihe "Dichterruhm und Unsterblichkeit".
Auswahl und Text: Ellen Strittmatter

Totengespräch aus dem Archiv. Briefe von Heinrich von Kleist und Ulrike Meinhoff

27.7. bis 4. 9.2009 | Rund 150 Jahre liegen zwischen diesen Briefen, doch die Gattung des Totengesprächs zielt auf den Dialog und den Überschuss an Gemeinsamkeiten: Beide Schreiber inszenieren auf und in ihren Briefen Konstellationen der Unterwerfung und der Erhöhung, des Bittens und des Zurückerbittens – der Dramatiker und Novellist Heinrich von Kleist für seinen Verleger Johann Friedrich Cotta, die Chefredakteurin der linken Zeitschrift konkret, Ulrike Meinhof, für ihre Autoren. Kleist führt in seinen beiden letzten Briefen an Cotta, anderthalb Jahre vor seinem Freitod am Wannsee geschrieben, buchstäblich die Umkehr der Verhältnisse vor Augen: Sein langer, senkrecht abfallender Schnörkel vor der Anrede und der Unterschrift, der in Kanzleistilmanier dem Adressaten Respekt bezeugt, wird flacher und fällt schließlich ganz weg. Meinhof steht, als Gegenstück zur Zeichensprache des Kanzleistils, nur noch der Wechsel der Schreibmedien zur Verfügung. Anlässlich der Lesung von Dagmar Leupold am 28. Juli aus ihren Roman »Die Helligkeit der Nacht«.
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

NEU IM ARCHIV: Strandgut aus Bernhard Schlinks Vorlass

18.6. bis 27.8.2009 | Wie sieht ein Vorlass im 21. Jahrhundert aus? Hat das Zeitalter der E-Mails, Websites und der am Computer geschriebenen Texte, der eilig verfassten und virtuell versendeten Botschaften, das Aussehen der Dinge verändert, die ein Schriftsteller für die Nachwelt bewahrt und dem Archiv überantwortet? Was passiert mit seiner digitalen, flüchtigen Korrespondenz? Verliert die Briefkultur, wenn die Handschrift nach und nach aus ihr verschwindet, an individueller Ausdruckskraft, an physischem, sichtbarem Dasein? Oder individualisiert sie sich innerhalb der neu gesteckten Grenzen erst recht? Der Vorlass von Bernhard Schlink, der sich seit Anfang des Jahres im Deutschen Literaturarchiv befindet, kann viele der Fragen beantworten. Der Schriftsteller hat vermutlich alle Post, die ihn erreicht hat, beantwortet und aufgehoben: kistenweise ausgedruckte E-Mails und Briefe von Schülern, Studenten, Freunden, Bewunderern, Kritikern. Wir zeigen einen kleinen Ausschnitt aus dieser Korrespondenz – von den auf ungewöhnliche Weise an Land gespülten Mitteilungen bis hin zu den schnell getippten, via Internet erhaltenen Botschaften. Anlässlich der Lesung von Bernhard Schlink für den Freundeskreis des Deutschen Literaturachivs Marbach.
Auswahl und Text: Ellen Strittmatter

NEU IM ARCHIV: Die Bibliothek von Reinhart Koselleck

14.5. bis 16.6.2009 | Mit dem Nachlass von Reinhart Koselleck (1923–2006) ist auch ein großer Teil der umfangreichen Arbeitsbibliothek des Historikers vom Deutschen Literaturarchiv Marbach erworben worden. Dazu zählen seine eigenen Werke mit handschriftlichen Einträgen und Einlagen. So bezeugt das Handexemplar seiner Dissertation Kritik und Krise (1959) die Dokumentation von Hinweisen und Korrekturen und der Sonderdruck des Artikels Fortschritt die Fortführung der Sammlung zu den Geschichtlichen Grundbegriffen. Der Band mit Kosellecks Porträtkarikaturen demonstriert scharfe Beobachtung und zeichnerisches Können. Die Geschichte der Sammlung lässt sich gut anhand einzelner Stücke erzählen: Der Verleger Anton Kippenberg sendet 1942 an den Vater Arno Koselleck Hölderlins Werke für den Neuaufbau der im Krieg zerstörten Bibliothek. Eine Bibel, die mit einem Register zentraler Begriffe versehen wurde, markiert den Aufbau der Büchersammlung Reinhart Kosellecks nach dem Krieg. Ein Vermerk hält fest, dass er den Band nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in Saarbrücken erhalten hat. Die Widmung in der Autobiografie des Germanisten Benno von Wiese wirft ein Schlaglicht auf das persönliche Netzwerk, das in der Sammlung sichtbar wird. Ein Blick in die Bücher veranschaulicht auch Reinhart Kosellecks Arbeitsweise beispielhaft: Platons Phaidon wurde im Wintersemester 1950/51 im Heidelberger Seminar Hans Georg Gadamers gelesen. Der Altdorfer-Katalog von 1938 zeigt Arbeitsspuren und Einlagen zur Deutung der Alexanderschlacht, die in den berühmt gewordenen Aufsatz über Vergangene Zukunft der frühen Neuzeit eingegangen ist. Die Marginalien auf dem Titelblatt von Martin Heideggers Sein und Zeit setzen sich mit der (hier fehlenden) Widmung an Edmund Husserl auseinander. W.G. Sebalds Austerlitz zählt zu den letzten Lektüren Reinhart Kosellecks. Der eingelegte Buchumschlag und die Todesanzeige demonstrieren eine übliche Praxis Kosellecks. Seine Schlagwörter machen die Erschließung der eigenen Sammlung, in diesem Fall von Sonderdrucken, anschaulich. Anlässlich der Tagung "Sprache und Geschichte: Reinhart Koselleck",14.5. bis 16.5.2009.
Auswahl und Text: Reinhard Laube und Ellen Strittmatter

Vor der Edition: Kesslers Weltreisealben

2.4. bis 5.5.2009 | Vom 26. Dezember 1891 bis Ende Juli 1892 ist Harry Graf Kessler auf ›Kavalierstour‹: Er reist in die USA und nach Kanada, dann über Japan, Singapur und Indien nach Ägypten. In Neapel begegnet er schließlich wieder der europäischen Kultur. Die ›neue‹ Welt beginnt für Kessler in Japan: »Yokohama 13 April 1892 […] Gegen 6 werfen wir vor Yokohama die Anker. Niedrige Hügel umgeben die Bucht; links schimmern die Häuser der Stadt durch den Regen;  […] Mein erster Eindruck von Asien eine offene Bretterbude, in der kleine braune europäisch uniformierte Zollbeamte mit ganz enormer Höflichkeit das Gepäck revidieren; mein zweiter die Jinriksha, eine Art von Sitzbad auf Rädern vor dem ein hauptsächlich mit einem Champignon förmigen Hute bekleideter Coolie hertrabt u in der ich ins Hotel fahre; der Coolie ist an Allem Dem das einzige Orientalische. Die kleinen Japanerinnen die auf dem Bund zwischen europäischen Häusern und Telegraphenleitungen hertrippeln sehen ganz depaysé aus. Das wahre Japan lernt man erst im Native Quarter kennen, und auch da hat man immer den Eindruck als wäre eben asiatischer Rosenmontag, und es hätten die guten Bürger von Yokohama einmal zum Spass einige europäische Kleidungsstücke angelegt, wie wir Fez oder Turban tragen; es fällt einem zuerst schwer diese Halbasiaten u Talmieuropäer ernst zu nehmen, und es macht einen curiosen Eindruck den schlitzäugigen Herren in Gehrock und Angströhre vor dem Laden seines ebenso schlitzäugigen Bruders zu sehen, der nur mit einem zollbreiten Gurt bekleidet coram publico in seiner Bude Bretter hobelt. Die Japanische Durchschnittstracht scheint aber in Kimono, Hornbrille und europäischem runden Hut zu bestehen. Die Männer aus dem Volke tragen meist ein kurzes blaues Wams mit riesigen weissen Zeichnungen auf Brust u Rücken; um den Leib einen Gurt, Beine u. Füsse bloss. Pittoresk sind die Frauen in ihrem langwallenden Kimono mit der breiten Schärpe und der grossen flachen Schleife auf dem Rücken ihr glänzendes schwarzes Haar künstlich gekämmt und gebürstet; die kleinen Mädchen von fünf oder sechs Jahren tragen genau dieselbe Tracht wie die älteren Frauen und viele von ihnen laufen mit einem noch kleineren Wesen auf den Rücken geschnallt herum.«

Neben seinem Tagebuch dient ihm die Fotografie, Reiseeindrücke festzuhalten: Er fotografiert selbst mit der Kodak 2 (runde Fotos), wobei ihn meist Menschen interessieren. In den Städten kauft er bei bekannten Fotografen Stadt- und Landschaftsaufnahmen. Die Herausforderung einer Edition des Weltreisealbums (erscheint bei Klett-Cotta in Stuttgart) ist die Einordnung der Bilder ins Itinerar, ohne den Charakter der von Kessler selbst gestalteten vier Kladden zu zerstören oder zu überdecken. Anlässlich der Tagung "Neugermanistische Editoren im Wissenschaftskontext". 2.4. bis 4.4.2009.
Auswahl und Text: Roland Kamzelak und Ellen Strittmatter

NEU IM ARCHIV: Nelly Sachs. Letzte Dinge aus Stockholm

21.1. bis 1.4.2009 | 2007 kam aus dem Besitz von Rosi Wosk – einer ungarischen Jüdin, die Auschwitz überlebte und in Stockholm lebte –  ein von ihr sorgsam gehüteter Schatz ins Archiv: über 100 meist unbekannte Manuskripte, Briefe und Fotos, die ihr die Nachbarin und Freundin Nelly Sachs (1891 – 1971) schenkte; dazu das Tagebuch, in das sie ihre Gespräche mit der späteren Nobelpreisträgerin notierte. Vieles in dieser Sammlung ergänzt die Bilder, die Nelly Sachs in ihren Gedichten mit Vorliebe durch den Kontrast von Licht und Finsternis evoziert – als hätten die poetischen Schemen ihre konkreten Gegenstücke gefunden: »Denk nur, die Gestirne wieder sehen und fühlen, wir wagten gar nicht daran zu glauben nach fast 7 Jahren Dunkelheit und Kälte«, schrieb sie nach dem Umzug aus dem Erdgeschoss des Stockholmer Mietshauses, in dem sie bis zu ihrem Tode leben sollte, in ein Zimmer im zweiten Stock. »Mit Tieren aufgewachsen. Reh, Ziege, Hunde als Gesellschaft von dem sehr tierliebenden Vater dem Kinde geschenkt. Äußerste Schüchternheit in der Schule. Niemand von den heimlichen Dichterversuchen erzählt. Über den Jahren des erwachsenen Mädchens liegt Dunkel. Ein Schicksal trifft die Siebzehnjährige und dauert bis in die Vernichtungsjahre der Hitlerzeit«. Mit Reh, Pferd und Hase ist der Vater Georg William Sachs zu sehen, Mitbesitzer einer Berliner Gummi-Fabrik und Erfinder des die Armmuskeln trainierenden Expanders. Von ihr selbst, die sich mit siebzehn in Bad Reinerz (Riesengebirge) unglücklich verliebte, danach jede Nahrung verweigerte und zum ersten Mal für längere Zeit in die Psychiatrie eingewiesen wurde, gibt es nur wenig Kinder- und Mädchenfotos. Erhalten haben sich die Fotosouvenirs aus Bad Reinerz und Aufnahmen aus ihren Dreißigern. Als »Dornröschen« klebt sie sich zwischen Rosenblättern in ein Gedichtbuch, das Paradiesgärtlein. Zwischen Blumen taucht die winzige 75-Jährige (»halb Sozietätsdame, halb Engel«, ganz Kopf, fast körperlos)  auf den Fotos aus den Tagen der Nobelpreisverleihung 1966 auf. Gegenstücke zum Wort, zu Nelly Sachs’ Poetik des Erscheinens und Verschwindens sind die Zeichnungen in ihren Manuskripten. Nicht nur auf ihrem Gedicht Umriss hat sie um den Trauring ihrer Mutter Margarete tatsächlich einen Kreis gezogen (»Übrig ist die Umarmung / der Leere / ein kreisender Ring / der seinen Finger verlor«); auch auf anderen Blättern werden die Wörter durch Striche, Wellen und Bögen und nicht nur durch die Grammatik gebunden: ein Tanz, der den Verszeilen folgt, eine Erscheinung, die dem Papier Augen verleiht – als beweise die gezeichnete Chimäre, dass die Literatur wirklich ist, auch wenn in ihr alles nur durch das Wort ins Leben tritt. Anlässlich der ZEITKAPSEL 16 mit Ulrich von Bülow und Aris Fioretos am 18.2.2009.
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

Zum Jahreswechsel: Wie viele Gedanken haben auf einer Seite Platz? Zwei Stücke von Jean Paul und Laurence Sterne

8.12.2008 bis 24.1.2009 | 2009 wird Mars, der Gott des Krieges, das Jahr regieren. Doch keine Sorge. Schlechte Absichten verfolgt er dabei nicht. Er bringt Erfolg und Stabilität, so versichert uns das Jahreshoroskop. Auch Veränderungen gehen mit ihm zu guten Häusern hinaus. 1819 sah das anders aus. Saturn, der Herr über Zeit und Schicksal, der Gott aller unbeständig-wankelmütigen und melancholisch-künstlerischen Geister, war damals Planet des politisch mit vielen Ungewissheiten verbundenen Jahres. Anlass für den Dichter Jean Paul, der vertraglich zu regelmäßigen Lieferungen an Cottas Morgenblatt für gebildete Stände verpflichtet war, dem Gott schon zu Jahresbeginn mit einer Festgabe gütig zu stimmen. Diese Gabe – eine von sieben Saturnalien – schmückt in diesem Jahr die Marbacher Weihnachtskarte. Ausgefaltet und aufgeblättert bietet sie auf den ersten Seiten vier Seiten eine der schönsten durch alle Himmels- und Erdregionen streifende Augenblicksbeschwörung, die bei Jean Paul zu finden ist.

Lust auf mehr? Die Saturnalien, das Fest, auf das Jean Paul mit Titel und Thema anspielt, waren ein Vorläufer unseres Karnevals und erinnern in manchem auch an Weihnachten. Sieben Tage lang, in der Regel vom 17. bis zum 23. Dezember, feierten in Rom Arme und Reiche gemeinsam und setzten die gewöhnlichen Gesellschaftsordnungen außer Kraft. Für eine Woche wurde der Bettler zum König, der Knecht zum Herr. Man aß zusammen und brachte sich Geschenke, Puppen, Gebäck, oft auch Gedichte, so genannte Xenien mit. Jean Pauls Ich-Erzähler wird am Ende seines Karnevals sogar von dem Planeten gefressen, der dafür bekannt ist, seine eigenen Kinder  zu verschlingen. Er soll hinausfassen und dem Gott mit dem Saturnfinger, dem Mittelfinger, die Herzgrube und den Solarplexus magnetisieren und ihm dabei seine besten Gedanken und Bitten äußern, dann würde er sich seiner »auf dem nächste Wege der Natur entledigen«. Die für eine Zeit lang verkehrte Welt lehrt: Der Mensch ist dank seiner Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und sich Sachen beliebig auszumalen, mit der rechten Geste, Hand aufs Herz, seines Glückes eigener Schmid.

Lust auf Anderes? Für alle, die beim Jahreswechsel nicht nur an sich denken und es zu schätzen wissen, dass beziehungsweise wenn Literatur nicht von uns selbst spricht, sei in dieser »Weihnachts-Passage« noch ein anderes Schaufenster geschmückt. Die schwarze, 1759 erstmals gedruckte Seite in Laurence Sternes Tristram Shandy ist ebenso berühmt wie die marmorierte. Ist diese ein »buntes Sinnbild« des kunstreichen Romans, so ist jene zunächst das Denkmal des armen sorglos-spitzzüngigen Yorick, dann eine Schwelle, an der sich die Buchseite zur Unterwelt wie zum Leben hin öffnet, Nacht und Tag zusammenkommen. Die schwarze, in der Erstausgabe beidseitig durch das Blatt schlagende und an den Satzspiegel gebundene Fläche ist Gegenteil des weißen Raums. Sie schützt ein Geheimnis, das uns herausfordert: Die Welt war noch nicht »mit all ihrem Scharfsinn fähig, die vielen Meinungen, Abhandlungen und Wahrheiten zu enträtseln, die noch immer geheimnisvoll hinter dem dunklen Schleier der schwarzen Seite verborgen liegen«, so heißt es später im Roman. Was kein Wunder ist, wenn man sich vor Augen führt, wie unterschiedlich die schwarzen Seiten, die dunklen Schleier und Plätze der Wahrheit aussehen, die sich im Deutschen Literaturarchiv an den verschiedenen Orten gefunden haben: im Jean-Paul-Archiv, in der Bibliothek Töpfer, unter den Büchern von Eduard Berend, Georg Binding, Paul Celan (der die schwarzen Seite gar nicht sehen konnte, weil sie in seiner Ausgabe einfach fehlt) und Wilhelm Lehmann. Damit: ein gutes Neues!
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

NEU IM ARCHIV: Aus Ernst Jüngers Wilflinger Bibliothek

14.11. bis 17.12.2008 | Sekretärinnen würden im Drogenrausch nur Berge von Schlagsahne sehen, so mutmaßt Ernst Jünger in den 60er-Jahren nach seinen eigenen Erfahrungen. Er selbst sieht allegorische Lichterscheinungen, Ideen in durchaus schwerfälliger Menschengestalt. »Im Rausch, gleichviel ob er betäubend oder erregend wirkt, wird Zeit vorweggenommen, anders verwaltet, ausgeliehen. Sie wird zurückgefordert; der Flut folgt Ebbe ... Zugleich kann es zu einem prometheischen Licht- und Bildraub kommen, zum Eindringen in das Göttergehege – auch dort ist Zeit, wenngleich die Schritte weiter und mächtiger sind und gewaltige Fußstapfen zurücklassen«. Wer sich die kostbaren alten Bücher aus Ernst Jüngers Bibliothek anschaut, die während der Renovierung des Wilflinger Wohnhauses zu ihrem Schutz in Marbach stehen, der kann Ähnlichem begegnen: plumpen Personifikationen, Fabelwesen, Formulierungen im Sprachrausch, gestaltgewordenen Glaubensbekenntnissen, einem übervollen Depot geraubter Licht- und Schattenbilder. Jünger, jahrelang Mitglied der Oberschwäbische Bibliophilenrunde und mit diesen auch öfter im Deutschen Literaturarchiv zu Besuch, hat sich nicht gescheut, den wertvollen Sammlerstücken seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Sein Exlibris, meist mit Angaben zu Kaufdatum, -ort und -grund, tritt neben die anderen Spolien, die diese Bibliothek in sich versammelt. In enger Nachbarschaft finden sich die als Einband verwendete spätmittelalterliche Pergamenthandschrift, eine Eichelhäherfeder, gemalte Blüten und eine in Sternes Tristram Shandy getrocknete Glockenblume, Anmerkungen und Schreibübungen von Vorgängern und eingeklebte Zeitungsfunde, Widmungen an ihn und – wie die von Friedrich Gundolf an Clothilde Schlayer – an andere, Selbstdeutungen und ehelichen Friedensangebote.
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

Entsperrt: Ingeborg Bachmann an Paul Celan

8.10 bis 21.11.2008 | Lange Zeit waren die Liebesbriefe der Bachmann in Celans Marbacher Nachlass Gegenstand von Spekulationen. Nun ist das Briefgeheimnis gebrochen. Sie sind zusammen mit seinen Antwortbriefen im August 2008 als Buch erschienen und dürfen zum ersten Mal ausgestellt werden. Wir möchten sie unkommentiert zeigen, um ihre ungeheure poetische Intensität nicht durch Deutungen zu verstellen. Sie sind so gelegt, dass sie den verschiedenen Augenblicken dieser Liebe folgen: Beschwörungen (und Verhinderungen) der Liebe aus der Ferne am Anfang – Evokation des unmittelbaren Zusammenseins in der Mitte – Abwehrgesten und Austreibungsversuche an deren Ende.
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

NEU IM ARCHIV: Alfred Anderschs Manuskript »Vater eines Mörders«

14.9. bis 6.10.2008 | Als ungleiches Zwillingspaar kommen Manuskript und Typoskript eines literarischen Werkes normalerweise gemeinsam ins Archiv. Nicht so beim Nachlass von Alfred Andersch. Länger als ein Vierteljahrhundert galt die Schreibmaschinenfassung der Erzählung Der Vater eines Mörders, die Andersch wenige Wochen vor seinem Tod im Februar 1980 abschloss, als vermisst. Erst 2007 wurde sie wiederentdeckt und im Frühjahr 2008 hierher nach Marbach gegeben. Das Typoskript gibt mit weitaus deutlicheren Gesten als die handschriftliche Fassung Einblick in den Entstehungsprozess von Anderschs letzter Erzählung, an deren Ende der Schüler Franz Kien von der Schule verwiesen wird, weil der Rektor Gebhard Himmler seine Griechisch-Kenntnisse abfragt und er an der Akzentlehre der fremden Sprache scheitert. Als Andersch die erste, handschriftliche Fassung abzutippen beginnt, ist für ihn noch immer nicht gelöst, wie die Erzählung beginnt, die Tür sich öffnet und der Rektor eintritt. Mit allen Mitteln – Streichen und Ergänzen von Hand mit verschiedenen Stiften, Dazutippen, Überkleben und Ausschneiden – arbeitet er daran, dass sich die Geschichte auch im Druck unauffällig, aber eindrücklich entfaltet.

Die Schreibmaschine überführt den handgeschriebenen Prosatext in ein Satzbild, das dazu auffordert, die Sprachmusik und die Sequenz der Handlung noch einmal zu überprüfen, mit den Augen und Ohren imaginär abzutasten und zum Teil neu zu formulieren. Der Text wird offizieller, umgangsprachliche Redewendungen werden sichtbarer, einzelne Buchstaben isolierter, Satzzeichen härter und Sonderzeichen auffälliger. Zumal dann, wenn sie auf der Schreibmaschine fehlen und von Hand ergänzt werden müssen.

Andersch, der seine Erzählung dem kurz zuvor verstorbenen Arno Schmidt widmet, verhilft die Griechisch-Stunde zu einem Thema, dass zwangsläufig die Gestalt und den Klang der Sprache in den Mittelpunkt stellt. Dem polyphonen Klang Schmidt’scher Texte stellt er die Geschichte Franz Kiens gegenüber, der beim Übersetzen in die ihm fremde Sprache mit der Künstlichkeit von Zeichen und Tonlagen konfrontiert wird und Lautfolgen bis in ihre Akzente zerlegen muss. Wie ähnlich sich dabei das »tz-tz-tz« des »Rex« und die Doppelkonsonanten des Griechischen (x, ps und st) werden, das zeigt das Typoskript: Das erste zieht Andersch durch eingezeichnete Bögen zusammen, das zweite fügt er durch Kommata ohne Leerzeichen aneinander.

Der Abstand der Buchstaben zueinander kann so sprechend sein wie ihre Größe oder der Abstand der Zeilen. Die unterschiedlichen Schreibmaschinenschriften – bedingt durch Anderschs zwei Wohnsitze (die Hermes mit den großen Typen, die dem auf dem rechten Auge fast blinden Andersch sein Verleger Gerd Haffmanns geschenkt hatte, stand in Berzona, die Olivetti 22 mit der schlanken Schrift in Zürich) – nutzt Andersch, um mit der Schrift auch die Tonlage zu ändern. Zum Teil, so hat es angesichts der Kürze mancher Typenwechsel den Anschein, ist er für bestimmte Sätze eigens nach Berzona gefahren. Die einzige Stelle im Typoskript, an der Andersch durch Überkleben den Wortlaut (und die Maschine) ändert, markiert exakt jenen Punkt in der Erzählung, an dem das für Franz Kien unverständliche Griechisch durch seinen Klang unvermittelt zum natürlichen Wiegenlied wird: »Paroxytonon, Proparoxytonon, Perispomenon, Properispomenon«. Die überklebte Passage benennt pauschal die »Wirkung magischer Formeln auf das Unterbewusstsein«, die Korrektur begründet die Magie ganz konkret mit der Folge der Töne, »denn sie ist Melodie, ein Kunstwerk«. Weil sie zeigen, wie wenig selbstverständlich Literatur ist, führen Manuskript und Typoskript deutlicher als das gedruckte Werk an die Grenze zwischen papierner und lebendiger Welt, Buchstabe und Klang. Die Geschichte von Franz Kien ist nicht nur Anderschs eigene Geschichte, ist nicht nur die Geschichte von jemandem, der am humanistischen Bildungsideal des Vaters von Heinrich Himmler scheitert, sie ist auch eine Geschichte der Geburt lebendiger Stimmen aus der toten Buchstabenwelt.
Auswahl und Text: Ellen Strittmatter und Heike Gfrereis

NEU IM ARCHIV: Neun frühe Collagen von Ror Wolf

15.7. bis 12.9.2008 | Machmal werden in Büchern die ausgeschnittenen Zufallsfunde aus anderen Büchern, Heften, Zeitschriften und Zeitungen wie Kostbarkeiten präsentiert. Ror Wolf hat daraus ein künstlerisches Prinzip gemacht: Aus pittoresken und verbalen Gemeinplätzen setzt er neue Welten zusammen, die real scheinen, beim näheren Hinsehen aber in sich aus den Fugen geraten sind. Die Dinge und Menschen passen weder proportional noch logisch zueinander. Jede Erscheinung wird relativiert durch eine andere, die darüber oder dahinter klebt und so in dieser Welt zu stehen oder schweben scheint. Ror Wolf selbst, der seine Collagen unter dem Namen Raoul Tranchirer in seinen enzyklopädisch aufgebauten Büchern veröffentlich hat (seine erste literarische Buchveröffenlichung erschien 1964 unter dem bezeichnenden Titel Fortsetzung des Berichts) wünscht seinem Leser mit dieser Kunst alles, was die Muse der Verfremdung bereithält: »Vielleicht wird er neue sinnliche Erfahrungen machen; vielleicht gelingt es mir, ihn zu überraschen, zu erschrecken, zu ärgern, zu animieren, zu stören, zu verblüffen, zu reizen, zu unterwandern, zu zersetzen, zu erregen, zu schütteln, zu quälen, zu unterhalten, zu bluffen, zu spannen, zu verwirren, zu amüsieren, anzustoßen, anzuspitzen, aufzukratzen, aufzustacheln, zum Lachen zu bringen, seine Phantasie in Bewegung zu bringen. Was er sich dabei und hinter den Texten denkt, ist seine Sache; wenn er mitspielt, wäre ein Buch am Ende auch das, was er daraus macht.«
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

Punktum zu Kafkas 125. Geburtstag

3.6. bis 18.7.2008 | Franz Kafka selbst hat zu seinem Geburtstag wenig geschrieben. An seinem 30., am 3. Juli 1913, notiert er: »Wenn ich etwas sage, verliert es sofort und endgültig die Wichtigkeit, wenn ich es aufschreibe, verliert es sie auch immer, gewinnt aber manchmal eine neue«. Zum 33. schenkt er sich nicht nur einen Urlaub in Marienbad mit Felice »Tür an Tür, von beiden Seiten Schlüssel«, auch eine kurze Geschichte: »In einer äußerst stürmischen Nacht – der Wind trieb die Regenmassen über das niedrigste der Häuser scharf in den Hof hinein – hörte ein Student der in einer Dachkammer noch über seinen Büchern saß einen lauten Klageton aus dem Hof. Er fuhr auf und horchte, es blieb aber still, dauernd still. Eine Täuschung wohl sagte sich der Student und begann wieder zu lesen. ›Keine Täuschung‹ so setzten sich nach einem Weilchen die Buchstaben im Buch förmlich zusammen. Täuschung wiederholte er und half den unruhig werdenden Zeilen mit seinem Zeigefinger nach, den er entlangführte.« Es scheint Kafka, der über seine Texte gern gelacht hat, Freude gemacht zu haben, wenn die Buchstaben aus dem Satz fielen: »›Wenn er mich immer frägt.‹ Das ä, losgelöst vom Satz, flog dahin wie ein Ball auf der Wiese«. Grund genug, die ›Marbacher Passage‹ für dieses eine Mal zum Spielfeld zu erklären und das Risiko zu wagen, nichts als Punkte aus dem Archiv zu holen, die den Passanten alle Bälle zuwerfen. Wer mit der Schreibmaschine tippt, dem werden andere Zeichen gewaltig als dem Mit-der-Hand-Schreiber. Sind es hier die T- und F-Striche und die Ausläufer von Q und Z, so heben dort buchstäblich alle Großbuchstaben, Strichpunkte, Doppelpunkte, Gedankenstriche und Anführungszeichen die Maschine in die Höhe und schlagen nicht selten mit den Punkten tatsächlich ein Loch ins Papier. Die in der Waagrechten sich erstreckenden Ä-, Ö- und Ü-Tüpfelchen, mit denen Kafka die fünf Blätter des 1917 entstandenen, zu Weihnachten 1921 veröffentlichen Kübelreiters punktierte, machen es mit dem Staccato der Strichpunkte zusammen dem Leser schwer, die Schrift über den Inhalt zu vergessen. Als habe Kafka seine Kunst in Jean Pauls Siebenkäs gefunden: »Ich habe oft ganze Bücher über das Ich und ganze Bücher über die Buchdruckerkunst durchgelesen, eh’ ich zuletzt mit Erstaunen ersah, dass das Ich und die Buchstaben ja eben vor mir sitzen. Der Leser sei aufrichtig: hat er nicht sogar jetzo, da ich darüber zanke, vergessen, dass er hier Buchstaben vor sich hat und sein Ich dazu? – Aber draußen unter dem schimmernden Himmel und auf einem Schneeberge, um den eine gestirnte weite starre Fläche glimmte, riss sich das Ich von seinen Gegenständen ab, an denen es nur eine Eigenschaft war, und wurde eine Person, und ich sah mich selber. Alle Zeit-Absätze, alle Neujahr- und Geburttage heben den Menschen hoch über die Wogen um ihn heraus, er wischt die Augen ab und blicket im Freien herum und denkt: ›Wie trieb mich dieser Strom und übertäubte mein Gehör und überflutete mein Gesicht! – Jene Fluten drunten haben mich gezogen! Und diese oben, wenn ich wieder untertauche, wirbeln mich dahin!‹ Ohne dieses helle Bewusstsein des Ich gibt es keine Freiheit und keine Gleichmütigkeit gegen den Andrang der Welt. Ich will in meiner Erzählung fortfahren. Ich stand auf einem Eisberge, obwohl mit einer glühenden Seele – der zerspaltne Mond schien hell hernieder, und die Schattenstücke der Tannenbäume um mich lagen wie zerstückte Glieder der Nacht schwarz auf dem Liliengrund aus Schnee.« Der Sehnsuchtsort in der von Äs und Üs zerschnittenen Welt ist der eine unteilbare Punkt. Der Ort, der ganz mit sich identisch ist, in dem die Unterschiede zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, Deutung und Wahrheit aufgehoben sind. Immer wieder markiert ihn der Freund Felix Weltsch in Kafkas Büchern. 1913 hat Weltsch ihn selbst mit Max Brod zusammen in einer philosophischen Studie über Anschauung und Begriff zu definieren versucht, später dann ins Zentrum seiner Überlegungen zum Rätsel des Lachens gestellt. Leitmotivisch durchzieht er die Korrespondenz zwischen den dreien. Man wünscht ihn sich und Kafka zum Geburtstag, diesen einen Punkt, der nicht zwanghaft symbolisch auf einen anderen verweist: einen Apfel zum Beispiel, der aus allen Blickwinkeln ein Apfel ist und kein Stellvertreter eines höheren Sinns. Auch dann nicht, wenn er sich in Gregor Samsas Rücken als Krankheit zum Tode festfrisst oder Josef K. ihn am Tag seiner Verhaftung, seinem 30. Geburtstag, zum Frühstück isst, nachdem er ihn am Vorabend auf den Waschtisch gelegt hat. Nichts als ein reiner, unschuldiger Apfel. Man stelle sich solch einen Apfel unter Äpfeln bei Kafka vor!
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

Wahnsinnszeichen. Ein Scardanelli-Manuskript, das mit der Post kam, und andere Zufälle

6.5. bis 30.5.2008 | Als wirklicher oder imaginärer Brief wurden alle hier gezeigten Stücke aufgegeben: Handschriften im Auftrag Dritter, auf die Reise geschickte Gespräche mit Toten, die im Archiv mit ihren Nachbarn manches Mal zu reden beginnen: ob literarische Texte eine eigene Logik besitzen? Ob ihre Topografie – ihr Bild auf dem Blatt, die Furchen, Kehren und Sprünge ihrer Entstehung – unablösbar zu ihnen gehören? Sechzehn Jahreszeiten-Gedichte sind aus Hölderlins späten Jahren überliefert. Eines kam 2004 per Einschreiben aus Familienbesitz als Geschenk nach Marbach. Entstanden am 13. Juli 1842, knapp ein Jahr vor seinem Tod, auf den 24. Mai 1758 datiert und als Brief gezeichnet: »mit Unterthänigkeit Scardanelli«. Acht lange, jeweils sechshebige Verse mit dreizehn Silben, die über zwei bis vier Zeilen gestreckt wurden. Welches Druckbild gibt man diesem optischen Maßhalten wider das Papierformat, das Versteile aus der Satzlogik herauslöst und als Äquivalente, als Varianten von Reimen, von letzten und vorletzter Silben, in der Vertikalen untereinander stellt? Blattgetreu sind sie in Sattlers Frankfurter Ausgabe transkribiert, in Strophen geordnet in Beißners Stuttgarter Ausgabe und als lyrisches, nicht tektonisches Gebilde bei Norbert von Hellingrath: »wundersames Fortspielen des Wohllauts der wiederberuhigten Seele«.

Per Post verschickte der junge Mörike die Abschrift von Hölderlins Heidelberg, ein historisch-kritischer Editor vor der Zeit, der die ästhetische Qualität einer vielstimmig-vielsinnigen Sprache der Streichungen und Überschreibungen

schätzte: »Es wird Dich unterhalten in die Entstehung dieses Stücks hineinzusehn, wie es sich nach u. nach gereinigt hat, Gedanke u. Ausdruck immer klarer und kräftiger wurde. Es ist theils mit der Feder theils mit dem Bleistift geschrieben; die halbverwischten Züge des letztern sind eben nicht lesbar«. Hölderlins Manuskripte, von deren Entstehung im Wahnsinn der Freund Waiblinger so detailliert in winzigster Schrift erzählt, kannte er aus eigener Anschauung; bei Goethes An den Mond und Schillers Untertänigstem Promemoria konstruiert er das Textbild fantasievoll. Drei Klassiker mit je eigenen Methoden des Schreibens: organisch-wachsend, Alternativen abwägend, genialisch-unordentlich. »Die deutsche Cultur steht bereits auf einem sehr hohen Puncte, wo man fast mehr als auf den Genuß eines Werkes auf die Art, wie es entstanden, begierig scheint«. So korrigiert Goethe 1826 die Anzeige seiner Ausgabe letzter Hand und schickt sie an seinen Verleger Cotta.

Ebenfalls mit der Post, wenn auch erst im April 2008, kam das auf einer Auktion erworbene Blatt aus der Satzvorlage zu Schillers Wilhelm Tel l nach Marbach.Anders als Goethe hatte Schiller kein Interesse an der dritten Dimension, die ein Text durch seine überlieferte Entstehung gewinnt. Er hat Manuskripte, sobald sie gedruckt waren, vernichtet. Blätter wie dieses sind daher selten. Die rhetorisch häufende Zeile »Mit hohem Ruhm sich krönt, sich Land erwirbt« wurde der Kraft eines einzigen Worts zuliebe gestrichen: »Indeß die edle Jugend rings umher / Sich Ehre sammelt unter Habsburgs Fahnen«.

Ohne Stefan George und seinen Jünger Norbert von Hellingrath wäre Hölderlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum wiederentdeckt worden. Hellingrath machte in der ersten wissenschaftlichen Ausgabe mit den bisher weitgehend unpublizierten Übersetzungen und dem Spätwerk bekannt. Das Interesse für die »Gliederung des lebendig pflanzenhaft aufwachsenden Ganzen« befreit von einer Biografie und Werk in eins setzenzuliebeden Lektüre, deren Peinlichkeiten Ludwig Klages befürchtet hat. 1963, fast fünfzig Jahre nach Hellingraths Tod, schickt seine einstige Verlobte, Imma von Ehrenfels, eines seiner Manuskripte samt einer Briefabschrift an Martin Heidegger: Wer die Post der Jungen liest, der wird auch als Alter ihr Jugendfreund.

Selbst dann, wenn diese längst gestorben sind. Die Korrespondenz mit den Toten lässt sich endlos pflegen. Der junge Friedrich Beißner notiert auf eine Postkarte einen Satz aus Hellingraths Dissertation und verziert in einer Vorlesung über die Geschichte der deutschen Literatur bis Goethe und Schiller ein Löschblatt mit Hölderlins Namen. W. G. Sebald findet in den psychiatrischen Vergleichen von Hölderlins Gedicht- und Briefstil den Hinweis auf seinen Poeta vates: Alexander, den Ernst Herbeck der "SchwindelGefühle". Anlässlich der Präsentation des neuen Bandes der hstorisch-kritischen Hölderlin-Ausgabe von Dietrich E. Sattler.
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

NEU IM ARCHIV: Stefan Zweigs »Ungeduld des Herzens«

8.4. bis 30.4.2008 | Im Druck umfasst Stefan Zweigs einziger Roman 443 Seiten, kein Werk von biblisch-epischen Ausmaßen. In zwei halben Tagen hat man die Geschichte vom jungen Leutnant Hofmiller gelesen, der im Sommer 1914 in einer ungarischen Kleinstadt in dramatische Ereignisse verwickelt wird. Die gelähmte Edit verliebt sich in ihn, er lässt sich zur Verlobung überreden, leugnet die Verbindung vor seinen Kameraden, denkt an Selbstmord, nimmt dann aber das Angebot an, in eine andere Stadt versetzt zu werden. Als Edit davon erfährt, nimmt sie sich das Leben. Genau in jener Nacht, in der Hofmiller aus schlechtem Gewissen sein Versprechen erneuern möchte und sie telefonisch nicht erreicht, weil alle Leitungen besetzt sind: In Sarajevo wurde der österreichische Thronfolger Ferdinand ermordet. Im Archiv ist der Roman mächtig: 2.554 Seiten beschrieb Zweig in den Jahren 1937 und 38 im Londoner Exil mit der Hand und der Schreibmaschine, bevor er die dritte Fassung in den Satz gab. Der Roman wird 1939 bei Allert de Lange in Amsterdam und bei Bermann Fischer in Stockholm erscheinen, die Entstehungsstufen schenkte Zweig Lord Carlow, der sie als kostbares opus magnum in Leder binden ließ. In den Korrekturfahnen und Umbrüchen arbeitete Zweig weiter. Schritt für Schritt machte er die Ungeduld des Herzens zur Macht des Schicksals. Er lässt die aus der Schwäche und Nervosität der Figuren fatal verlaufende Handlung mit jeder Korrektur, jedem hinzugefügten oder weggelassenen Detail den Charakter unaufhaltsamer Fügung gewinnen. Von Edits Selbstmord etwa gibt es sechs Fassungen. Am Ende stürzt sie sich weder aus dem Fenster noch nimmt sie das Schlafmittel Veronal, mit dem Zweig in Brasilien 1942 Suizid begehen  wird. »Die Ungeduldige, die ihr Herz nicht bezähmen konnte«, hat – ohne näher auf das Wie einzugehen – schlicht und einfach »das Schreckliche vollbracht«, das sie in einer Nacht einmal angekündigt hat: »Unbegreiflicherweise wies ihr leichter Körper keine wesentlichen äusseren Verletzungen auf«.
Auswahl und Text: Heike Gfrereis

NEU IM ARCHIV: Peter Handkes Tagebücher

1.2. bis 1.4.2008 | Sie wiegen nicht viel, die 66 kleinen Notizblöcke und winzigen Taschenhefte, die Handke vom November 1975 bis zum Juni 1990 gefüllt hat. In der Ebene ausgebreitet sind sie dennoch ein Gebirge; weit mehr als nur ein Steinbruch für das Werk. Doch was sagt man dazu? Wie viel erklärt sich selbst? Was muss man wissen? Was geben sie im Augenblick Preis? Vieles lässt sich nur schwer entziffern. Oft schlägt der rote Filzstift durch, ist die blaue Tinte ausgeblutet. Eine Blüte drückt sich durchs Papier, auch ein ganzer Strauß von verlorenen Düften, Lavendel, Lorbeer, Linde, Maulbeerbaum und Kokosfaser. Häufig schieben sich Telefonummern über Adressen, Fundstücke verdecken Sätze. Immer wieder hat Handke die Tochter Armina hineinzeichnen lassen, durchaus auch seine Freundinnen. In Handkes Tagebüchern gibt es keinen Unterschied zwischen wichtigen und unwichtigen Seiten, keine klaren Grenzen zwischen Schreiben und Leben, kein Richtig oder Falsch, keine Funktionalität der Teile im Hinblick auf ein Ganzes. Sie haben nicht Anfang und Ende, brechen ab, fangen einfach an. Sie sind so wenig privat wie verwertbar. Wenn sich Sätze aus oder zu ihnen in den veröffentlichten Werken finden, so sind sie wiederhergeholt, nicht einfach reproduziert. »Im Zeichen der Erzählung habe ich angefangen! Weitertun. Sein lassen. Gelten lassen. Darstellen. Weiter den flüchtigsten der Stoffe bearbeiten, deinen Atem; dessen Handwerker sein«, heißt es im Nachmittag eines Schriftstellers (1987). Die Tagebücher sind alles Andere als das Zeugnis einer Schreibkrise. Wenn von dieser die Rede ist, dann nur, weil sie der Kunstgriff ist, mit dem die Sprache merkwürdig bleiben: »Einen Zeitsprung lang wurde der Wortschatz, welcher mich Tag und Nacht durchquerte, gegenständlich« (Das Gewicht der Welt, 1977). Sie als einen schönen Gegenstand anzuschauen, das ist eine Möglichkeit, diese Tagebücher  durchzublättern und für die kleine Ausstellung zu ordnen. Dann führt die Krise des Schreibens  – der große Schatz, den Handkes Tagebücher bewahren  –  an den knisternden und duftenden Rand der Wörter: »Wo der Rand der Wörter sein sollte, fängt trockenes Laub an den Rändern zu brennen an und die Wörter krümmen sich unendlich langsam in sich selber«.
Auswahl und Text: Heike Gfrereis