Museum

Literaturmuseum der Moderne (LiMo)

März 2010: Ein Albumblatt von Justinus Kerner Februar 2010: »Die unendliche Geschichte« von Michael Ende Januar 2010: Robert Gernhardts Schulheft Dezember 2009: Friedrich Gottlieb Klopstocks »Cidli« November 2009: Friedrich Schillers Wortsammlungen zum »Wilhelm Tell« Oktober 2009: Oskar Pastiors Pralinenschachtel September 2009: Thomas Manns Schiller-Novelle August 2009: ein Autogramm von Derrick Juli 2009: Bernhard Schlinks "Vorleser" Juni 2009: Morgensterns "Galgenlieder" Mai 2009: Leo Matthias auf dem Koffer Apri 2009l: ein Brief von Kurt Tucholsky März 2009: Richard Dehmels Schiller-Gedicht Februar 2009: LiMo, der Bau Januar 2009: Martin Mosebachs »Nebelfürst« Dezember 2008: das Reimlexikon von Peter Hacks November 2008: Rilkes vier Punkte Oktober 2008: Objekte, Autor unbekannt September 2008: ein Gechenk für Erich Kästner August 2009: eine Zigarrenkiste aus dem George-Kreis Juli 2008: ein Malbrief an Johannes Bobrwoski Juni 2008: eine Kiste aus Ernst Jüngers Nachlass Mai 2008: eine Fahrradpostkarte von Sarah Kirsch

Im Blickpunkt: Das Exponat des Monats

Manches, was wir sehen, fährt in uns wie der Blitz. Es trifft von ganz alleine, fasziniert, wird manchmal unvergesslich. Meistens jedoch sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht. Die Welt um uns scheint selbstverständlich da zu sein. Damit der eine Baum ins Auge fällt und im Gedächtnis bleibt, muss etwas dazukommen: ein Sonnenstrahl, ein Geruch oder jemand, der uns das Besondere zeigt. Monat für Monat stellen wir hier ein Exponat aus der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne oder des Schiller-Nationalmuseums vor (weitere ›Blickpunkte‹: Auf dem Weg zum LiMo).

März 2010: Ein Albumblatt von Justinus Kerner

Der Arzt, Dichter und medizinische Schriftsteller Justinus Kerner (1786-1862) widmete sich in seinen späten Jahren einer ganz eigentümlichen Tätigkeit: Seit Beginn der 1840er Jahre hat er zusammen mit seinem Sohn Theobald an einem Bilderatlas gearbeitet, der alleine schon aufgrund der Variationsbreite und der spezifischen Kombination des Bildmaterials auffällig ist. Auf über 160 Seiten sind in diesem Klebealbum Lithografien, Kupferstiche, Grußkarten, Aquarelle, Zeichnungen und vieles andere mehr mit den unterschiedlichsten Motiven versammelt und in überraschende, manchmal befremdende Konstellationen gebracht. So sind beispielsweise Abbildungen von historischen Persönlichkeiten mit phantastischen Landkarten kombiniert, aber auch Darstellungen von mythischen Szenen mit Bildern von Zeitgenossen Kerners zusammengeklebt und collagiert.

Die oben abgebildete Albumseite zeigt exemplarisch, wie Kerner im Klebealbum die Variationen seiner bildlichen Weltdeutung zusammengesetzt hat: Im Mittelpunkt steht hier ein Stich des Nachtmahrs von Johann Heinrich Füssli, einem Gemälde aus dem Jahre 1781, das zu Kerners Zeit eines der berühmtesten Bilder war. Gezeigt werden eine schöne Schläferin und ihre Traumvision - ein Nachtmahr, der auf ihr sitzt. Dieses Bild ist umrandet von verschiedenen so genannten ›Klecksografien‹, die zum Teil mit Federstrichen weitergezeichnet wurden und mit Namens- oder anderen Textzusätzen versehen sind. Bei den ›Klecksografien‹ handelt es sich allgemein um von Justinus Kerner eigens hergestellte Bilder, die Figuren und Muster aus Farbklecksen zeigen, die allesamt eine achsialsymmetrische Grundstruktur aufweisen. Charakteristische Muster dieser Art entstehen, wenn Farbe auf Papier aufgebracht wird, dieses Papier gefaltet wird und die Farbe sich schließlich entlang der Faltlinie auf dem Papier verteilt. Dass die Klecksografien heute vielen bekannt sind, geht allerdings nicht auf Kerners Klebearbeit zurück, sondern auf die Studien des schweizerischen Psychologen Hermann Rorschach (1884-1922), der auf Grundlage dieser Bilder schließlich ein psychodiagnostisches Testverfahren entwickelte (vgl. Rorschach-Test).

Ausnehmend merkwürdig wirkt Kerners Albumblatt, sobald sich der Blick des Betrachters vom lasziv ausgestreckten Frauenkörper auf die klecksografierten Skelette richtet, die Füsslis Nachtmahr oben und unten umrahmen. Augenblicklich wird durch diesen Kontrast der Motive, durch diesen Bruch, die Verletzlichkeit der makellos Schönen deutlich. Blitzhaft ist hier die Vergänglichkeit gegenwärtig gemacht. Fortgesetzt ist das Motiv der Vergänglichkeit bzw. das Wandlungsmotiv in weiteren umliegenden Figuren, die allesamt bekannte Schriftstellerinnen aus Kerners Zeit karikieren. Und schließlich zeigt der klecksografierte Schmetterling in der linken oberen Ecke der Seite eine ganz eigene kleine Verwandlungsszene, die mit folgenden Zeilen beschriftet ist: »Aus Dintenfleken ganz gering / Entstand der schöne Schmetterling. / Zu solcher Wandlung ich empfehle / Gott meine fleckenvolle Seele.«

Kerner hat hier den Betrachtern seines Albums ermöglicht, die Abbildungen über ihre Ränder hinaus zu deuten oder auch ›von den Rändern her zu lesen‹. Es sind die Zwischenräume und die spezifischen Konstellationen, die hier die Bilder in einer besonderen Art zum Sprechen bringen. Dabei gibt es weder eine richtige noch eine falsche Lesart, vielmehr wird dem Betrachter eine offene Auswahlmöglichkeit in der Deutung des Dargestellten gegeben. Ob die Abbildungen historisch betrachtet werden oder aber als ihrer Zeitlichkeit enthoben - zum Staunen bringen sie uns heute allemal. In der aktuellen Wechselausstellung »Randzeichen« im Literaturmuseum der Moderne sind zurzeit 50 Blatt dieses kuriosen Fundstücks aus dem Deutschen Literaturarchiv zu sehen. Aber auch andere »Randzeichen« können betrachtet werden, wie beispielsweise Kritzeleien, die Dichter beim Schreiben auf dem Manuskript hinterlassen haben oder auch »Randzeichnungen«, die der Büchner-Preisträger Martin Mosebach neben seiner Schreibarbeit hat entstehen lassen.

»Randzeichen. 3 Annäherungen an den schöpferischen Prozess«, Wechselausstellung im LiMo bis 18. April 2010. Öffentliche Führungen: Jeden Sonntag um 15 Uhr. Am Samstag, den 27. März um 15 Uhr findet die Kinderführung »Kritzelblock« statt.

Februar 2010: »Die unendliche Geschichte« von Michael Ende

Das Manuskript der »Unendlichen Geschichte« beginnt mit einem Bild: Statt einer konventionellen Kapitelüberschrift oder einer schlichten Kapitelnummer sieht der Leser eine Zeichnung, die das Schild des Antiquariats von Karl Konrad Koreander zeigt - in Spiegelschrift. So ist es auch in der Druckausgabe des Jugendromans von Michael Ende wiedergegeben, der 1979 erstmals erschienen ist. Ende setzt mit dieser Konstruktion einen besonderen Akzent: Noch bevor man beginnt, die »Unendliche Geschichte« zu lesen, ist hier die Aufmerksamkeit auf die Form und auf das Lesen selbst gelenkt. Das Auge muss sich entgegen der Leserichtung bewegen, um die Wörter entziffern zu können. Im Anschluss wird die »Unendliche Geschichte« mit folgendem Satz eröffnet: »Diese [gestrichen: seltsame] Inschrift stand auf der Glastür eines kleinen Ladens, aber so sah sie {natürlich} nur [gestrichen: dann] aus, wenn man vom Inneren des dämmerigen Raumes durch die Scheibe auf die Straße hinausblickte.« Mit dieser einführenden Beschreibung, die noch einmal den Blick auf die Zeichnung richtet, wird erneut eine konventionelle Lesehaltung irritiert: Buchstäblich führt die Verweisstruktur hier an den erzählten Ort des Geschehens, denn die Spiegelschrift illustriert ja genau den beschriebenen Blick vom Inneren des Antiquariats nach draußen!

An der Streichung des Wortes »seltsam« wird zudem sichtbar, wie im schriftstellerischen Prozess Annäherung an das beabsichtigte Stimmungsbild geschieht. Durch präzise Wortwahl ist so eine seltsame Eingangssituation entstanden - ohne Verwendung des Adjektivs.

Insgesamt ist auf der oberen Blatthälfte der ersten Manuskriptseite das Thema der »Unendlichen Geschichte« vergegenwärtigt: Auf kleinstem Raum wird hier das Spiel mit den Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Fiktion und Realität deutlich. Dabei konkretisiert sich das paradoxe Verhältnis von dargestellter Wirklichkeit innerhalb imaginärer Texte auf mehreren Ebenen: visuell, erzählerisch und performativ. Inhaltlich ist das Thema veranschaulicht im Erleben und in den Abenteuern des Protagonisten, einem elfjährigen Jungen namens Bastian Balthasar Bux. In Koreanders Antiquariat stiehlt Bastian ein Buch und zieht sich damit zum Lesen auf einen Dachboden zurück. Dort gerät er als Leser so weit in die Geschichte selbst hinein, dass er mit seiner Fantasie das ganze (im Buch erzählte) Reich Phantásien vor dem Nichts retten muss. Die Rettung liegt vor allem darin, dem Nichts mit Fantasie zu begegnen. Bastian gelingt dies, indem er die dargestellte Welt durch eigene innere Vorstellungen erweitert. Der Protagonist betritt somit als Leser handelnd eine erzählte Realität. Dieses Ereignis manifestiert sich wiederum in einem Buch: der »Unendlichen Geschichte«.

Im Lesen des Romans von Michael Ende kann schließlich das Geschehen von jedem Einzelnen erneut ‚fantasiehandelnd’ weiter gesponnen werden, woraus ein weiteres Buch entstehen könnte. So haben es die Fünft-und Sechtsklässler der Erich-Kästner-Realschule in Steinheim im aktuellen LINA-Projekt des Literaturmuseums der Moderne gemacht: Die Schüler haben Michael Endes Roman zum Anlass genommen, selbst Geschichten zu schreiben, in denen Figuren oder Elemente aus Phantásien - dem Land, das von dem Nichts bedroht ist - eine Rolle spielen und haben somit »Neues aus Phantásien« entstehen lassen.

LINA die Literaturschule: »Neues aus Phantásien«. Sonntag, 7. Februar 2010 um 11 Uhr im LiMo. Der Eintritt ist für Familien von 10 bis 18 Uhr frei.

Januar 2010: Robert Gernhardts Schulheft

Insgesamt 675 unlinierte Schulhefte der Marke »Brunnen« hat Robert Gernhardt von 1978 bis zu seinem Tod 2006 beschrieben. Auf Schritt und Tritt hat er sie fast dreißig Jahre bei sich getragen, um darin Wortreime, -bilder und -spiele, Cartoons und flüchtige Kritzeleien zu notieren. Aber auch Entwürfe zu veröffentlichten und unveröffentlichten Gedichten und Erzählungen, Eindrücke von Reisen und persönlichen Begegnungen, Protokolle und Notate aus dem täglichen Leben finden sich darin. Die Brunnen-Hefte sind ein künstlerisches Tage- und Werkbuch, von dessen Existenz nur wusste, wer näheren Umgang mit Gernhardt hatte. Kurz nach dem Tod des Dichters, Zeichners und Malers, am 30.6.2006, kamen sie zusammen mit dem literarischen Nachlass nach Marbach.

In der Dauerausstellung aufgeschlagen ist die Seite vom 17.10.2001, die Gernhardts Besuch im Deutschen Literaturarchiv in Schrift und Bild festhält: Seine Lesung, den plötzlichen Stimmverlust beim Gedicht »Couplet von der Erblast«, das bei den »Spätantiken Männerkreisen«  beginnt und bei den »Postmodernen Frauengruppen« endet, die späteren Vorlassverhandlungen und, zeichnerisch umgesetzt, die Andacht vor dem Schillerdenkmal.

»Während der Lesung spüre ich, wie meine Stimme sich verabschiedet, dann, vor ›Couplet von der Erblast‹ ist sie weg. Ich kaue Verschiedenes, hauche: ›Dies ist keine Lesung, sondern eine Kauung‹, dann hat ein Zuhörer die gute Idee, eine Pause einzulegen. Mit Hilfe von Kienzle bringe ich danach die Lesung über die Runden, ohne Panik, aber voller Zweifel: und wenn sich das wiederholt?

Anschließend Gespräche über einen in Marbach deponierten Vorlass: Man wird älter.

Am nächsten Morgen Seminar mit Jugendlichen ohne Beeinträchtigung. Jetzt bin ich auf dem Weg nach Köln, wo ich am Comedy- Festival teilnehmen werde, sofern ich bei Stimme bin. (Ich hoffe: Ich bins)«

Öffentliche Führungen durch das Literaturmuseum der Moderne, jeden Sonntag um 11 Uhr.

Dezember 2009: Friedrich Gottlieb Klopstocks »Cidli«

»Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte: »Klopstock!« – Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß.«

Wer kennt sie nicht, die berühmte Stelle aus Die Leiden des jungen Werthers, die zeigt, wie sehr der Begründer der Erlebnisdichtung von Goethe verehrt wurde. Klopstocks Epos Messias, das nach dem Vorbild von John Miltons Paradise Lost entstand, gilt als eines der Werke, das die deutsche Sprache poesiefähig gemacht hat. Klopstock gab einer ganzen Generation Impulse, liest man das Gedicht Cidli, das sich im Südflügel des neu eröffneten Schiller-Nationalmuseums findet, ist diese Faszination heute noch spürbar:

In Frühlingsschatten fand ich Sie,
Da band ich Sie mit Rosenbändern;
Sie wust’ es nicht, u schlummerte.

Ich sah Sie an. Mein Leben hing
Mit diesem Blick an Ihrem Leben!
Ich fühlt’ es wohl, u wust’ es nicht.

Doch lispelt’ ich ihr sprachlos zu,
Und rauschte mit den Rosenbändern,
Da wachte Sie vom Schlummer auf.

Sie sah mich an. Ihr Leben hing
Mit diesem Blick an meinem Leben!
Und um uns ward’s Elysium!

Das Gedicht spricht in deutlichen Bildern vom wechselseitigen Erkennen und Begehren zweier Liebenden und endet im Augenblick der Erfüllung. In konzentrierter, fast lakonischer Sprache hält es die Entrückung, den Trancezustand der Liebe fest. Die frei gestaltete jambische Ode, kommt dabei ohne Endreime aus, knüpft ihre Verse allein mit Binnenreimen und Assonanzen aneinander. »Die Ode ist von einer Zeit, da ich sehr glücklich durch die Liebe war«, schreibt Klopstock über die Entstehung des Gedichts. Er widmet es seiner Verlobten und späteren Frau Meta Moller mit dem poetischen Pseudonym Cidli.

Braucht es zum Schreiben stets das Unglücklichsein? Ulrich Greiner schreibt treffend im Katalog zur Dauerausstellung: »Man sagt zuweilen, dass das Glück der Kunst nicht föderlich sei. Ein schönerer Gegenbeweis als Klopstocks Cidli lässt sich schwerlich finden.«

November 2009: Friedrich Schillers Wortsammlungen zum »Wilhelm Tell«

»Milch der Gletscher«, »Der Gletscher schmilzt ewig und zerschmilzt nie«, »Weiße Berglinien u[nd] purpurfarbene Alprosen«, »Alpen u[nd] Schneeberge verglichen mit einer diamantenen Krone – Glas – grünblauschimmernd«, »Milchweißes Firnwasser ist das kräftigste«, »Es wird frühe Morgen auf den Bergfirsten«.
Schillers Wortsammlung zum Wilhelm Tell liest sich wie ein Gedicht. Aus Stichworten, Vergleichen, Farben und Begriffen mit regionalem Bezug werden Metaphern, aus denen sich eine ganze Welt entspinnt. Einzelne Wörter werden von Zeile zu Zeile weitergegeben: Milch, Gletscher, Schneeberge, Bergfirsten. Andere Bilder werden immer näher spezifiziert oder erweitert, die Schneeberge der Alpen gleichen einer »diamantenen Krone«, »grünblauschimmernd« und auf den Bergfirsten, den höchsten Bergkuppen, wird es »frühe Morgen«. Manchmal genügt ein einziges Wort, um vor dem inneren Auge ein Bild entstehen zu lassen. Ein Wort, das sich in einem anderen Kontext, mit einem bestimmten Adjektiv auf geheimnisvolle Weise neu zeigt. Wenn etwas unscheinbares, alltägliches plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist, dann entsteht Poesie: »Der Gletscher schmilzt ewig und zerschmilzt nie«.
Doch diese Wortsammlung ist nicht nur dazu da, Schillers Vostellungskraft anzufachen, sie setzt ihn in den Stand, eine Welt zu beschreiben, die er nie gesehen hat. Sie liefert ihm das Vokabular, um die Schweizer Landschaft authentisch zu beschreiben: »Den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, / Die in den Runsen schäumend niederquillt«, erzählt Melchthal im Wilhelm Tell von einem Gang durchs Gebirge.

Wortsammlungen, Pläne und Fragmente geben in der am 10. November wiedereröffneten Dauerausstellung des Schiller-Nationalmuseums Einblick in Schillers Werkstatt. Erinnerungsstücke, Briefe und Lebenszeugnisse machen Schillers Leben greifbar. Bücher aus seiner Bibliothek, Kunstgegenstände und Souvenirs aus seinem Nachlass vergegenwärtigen den Hintergrund, vor dem sich Schillers Horizont ausgebildet hat. Schillers Bilder führen die Attribute vor Augen, die für den Dichter sprichwörtlich geworden sind: Adlernase und rotblonder Feuerkopf, Tabaksdose und Schillerlocke.

Aus kleinen Zeichen die ganze Welt heraus zu lesen, erfundenen Orte und Figuren mithilfe der eigenen Phantasie zum Leben zu erwecken und die deutsche Literaturgeschichte des 18. Jahrunderts anhand der nachgelassenen Dinge eines Archivs kennen zu lernen versprechen vier weitere Themenräume des Schiller-Nationalmuseums: Von schlichten Pausenzeichen zu Energie und Schrift, der Frage wie Papier und Schrift zur leibhaftigen Verkörperung von fiktionalen Welten werden; von einem wurmzerfressenen Holzstück aus Mörikes Besitz zu den Geschichten vom Ursprung der Welt, den Anfängen der Kultur, der Sprache und Literatur; von Rilkes Klappaltar zu den großen Liebenden und berühmten Wahnsinnigen; von Kerners Klecksographien und Mörikes Turmhahn zu den Kleinen Formen, den Keimstücken der Poesie. Bekanntes und Unbekanntes, Neues und Altes, Kleines und Großes, Historisches und Kurioses, über 700 Exponate warten darauf, entdeckt zu werden.

Oktober 2009: Oskar Pastiors Pralinenschachtel

»Zur Arbeitsweise nur soviel: Es gibt Hilfsmittel (Karton, Schere, Blockbuchstaben). Es gibt herrliche Vor- und Begleitübungen: Puzzles (besonders die schwedischen, handgesägten), Zeitunglesen und Fernsehen (Legasthenietraining), einige gute Autoren, bewusstes Gehen mit beiden Füßen (hintereinander) auf dem Kies, Schüttelreime, komplizierte Stundenpläne oder gewisse Atem- und Abzähltechniken. Und es gibt die Strategie ›Steht der Tropfen, höhlt der Stein‹«, schreibt Oskar Pastior 1984 in der Villa Massimo in Rom. Dort entstehen innerhalb eines Dreivierteljahres seine "Anagrammgedichte", die 1985 erscheinen. Kaum ein Dichter hat die Möglichkeiten des Anagrammierens so intensiv ausgelotet wie Oskar Pastior. Dass sich die Genese dieser Permutations-Experimente mitunter ganz praktisch und verspielt denken lässt und man viele Hilfsmittel selbst kreieren kann, zeigt die Pralinenschachtel mit ausgeschnittenen Buchstaben aus seinem Nachlass.

Pastior spielt in seinem Werk phantasievoll das Alphabet der Poesie durch - und lässt dabei keine Stilfigur aus: Anagramme, Palindrome, Homophone oder Akronyme. Seine Gedichte sind weniger erklärend, abbildend oder vermittelnd, als vielmehr Sprachexperimente, Versuchsanordnungen, die zeigen, wie Figuren und Formen Inspiration sein können. Pastior vollzieht alles direkt am und mit dem sprachlichen Material. Aus denselben Buchstaben entsteht immer wieder ein anderes Wort, ein neuer Satz. Diese Bewegung, diese Wandlung vollzieht sich so lange bis aus überkommenen Zeichenfolgen etwas ganz Neues entsteht:

Ein Wort gibt das andere
Dann aber wiegt oder ist
gar da, wo den eins treibt
oder drin absteigt. Wen a
ber stiert AdeDing an? Wo
anderswo bitte gerad in
eines da dran. Wort gibt e
ben eins wie Rad Grat Tod.
Bin Wag Teit oder anders.

 

 

September 2009: Thomas Manns Schiller-Novelle

»Wie will ich dem Himmel danken, wenn dieser Wallenstein aus meiner Hand und von meinem Schreibtisch verschwunden ist. Es ist ein Meer auszutrinken, und ich sehe manchmal das Ende nicht.«, schreibt Friedrich Schiller am 25.1.1798 an seinen Freund Christian Gottfried Körner. Die Arbeit am Wallenstein war für ihn von Anfang an mit großer Mühe und Anstrengung verbunden. Zweifel am eigenen Talent, gesundheitliche Rückschläge und andere Projekte verzögern die Arbeit. Die Entstehungsgeschichte wird zur Leidensgeschichte. – Der Angst, nicht mehr schreiben zu können, begegnet man in den Briefen, Lebenszeugnissen und Dichtungen unterschiedlichster Autoren. Diese Klage scheint für (fast) jeden, der schreibt, immer wieder aufs Neue zu gelten. Man kann noch so viel zu Papier gebracht haben, noch so viel Lob oder Anerkennung erhalten haben, man fürchtet sich davor, nicht so schreiben zu können, dass es den eigenen Ansprüchen genügt, dass das zu Papier gebrachte, dem Publikum, den Lesern gefällt. Hat Thomas Mann also Recht, wenn er im Tristan schreibt, dass »ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten«?

Thomas Manns Schiller-Studie »Schwere Stunde«, die als Manuskript in der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne zu finden ist und auf der linken, unbeschriebenen Seite, flüchtige, unbeabsichtigte Fingerabdrücke des Autors trägt, verfolgt eine starke These: Schiller brauche und glaube an den Schmerz, der zwangsweise mit einer literarischen Arbeit einhergeht, denn etwas, was unter Schmerzen geschieht, könne weder nutzlos noch schlecht sein, denn: »Das Talent selbst – war es nicht Schmerz«?

Die Novelle spielt in einer Nacht des Jahres 1796. Mit Schillers Gesundheit steht es, einmal wieder, nicht zum Besten. Der Arzt rät ihm zur Schonung, aber davon will der Dichter nichts wissen. Er muss den Wallenstein vorantreiben, dem Text fehle der Schwung und so, wie er ist, sei er nicht aufführbar. Obgleich Mann in dem Text weder Schiller noch Goethe beim Namen nennt, ebenso den Titel Wallenstein unerwähnt lässt, kann sich der Leser zweifelsfrei aus dem Kontext erschließen, wovon die Rede ist.

Thomas Mann schrieb die novellistische Studie zum Schillerjahr 1905 als Auftragsarbeit für die Zeitschrift Simplicissimus. In Buchform ist sie augenblicklich auch in der Schiller-Wechselausstellung zu finden, im Kapitel »Hand und Hitze«. Schiller wurden »verfrörte Hände« konstatiert und die Novelle beginnt mit der Szene, in der er am erkalteten Kachelofen Wärme sucht. Die Ausstellung verwendet ein ganz ähnliches poetisches Verfahren wie Thomas Mann in seiner Novelle. Sie geht vom Körper aus, nimmt Lebenszeugnisse als Anlass zu Werkbetrachtungen und führt gerade deshalb mitten hinein in Schillers Dichtungen. In Manns Novelle gemahnt der Körper, dass sich Schiller an ihm versündigt hat. Die Ausschweifungen der Jugendjahre, die durchwachten Nächte, die Rauschmittel, mit denen er sich zur Arbeit anregte, dies alles rächte sich. – Das Schreiben aber, Qual und Lust zugleich, trägt über den Körper hinaus, überwindet ihn und ist doch gleichzeitig der Wunsch nach vollendeter, Gestalt gewordener Körperlichkeit: »Wunder der Sehnsucht waren seine Werke, der Sehnsucht nach Form, Gestalt, Begrenzung, Körperlichkeit.«

»Schiller von Kopf bis Fuß« – Kinderführung. Vom Kopf über die Nase zur Hand und dann weiter zu den Füßen: Wer genau hinschaut, der kann sich ein Bild des Dichters zusammenbasteln. Und dann selber ausprobieren: Wie schreibt es sich, wenn man wie Schiller eine Feder in der Hand hält? Was schreibt man seinen Freunden ins Stammbuch oder den Eltern im Brief?

Die Kinderführung findet am Samstag, den 26. September um 15 Uhr im Literaturmuseum der Moderne statt. Dauer: ca. eine Stunde. Kosten 5 € (inklusive Eintritt), max zwei Geschwister zahlen.

 

August 2009: ein Autogramm von Derrick

Ein Gentleman bittet ins LiMo.

Eine Autogrammkarte von Horst Tappert in den Vitrinenreihen des Literaturmuseums? Das Karo-Jackett, die kupferfarbne Krawatte, die stahlblauen Augen über den markanten Tränensäcken stechen zwischen den benachbarten Briefen und Postkarten von Heinar Kipphardt und Hubert Fichte, Sarah Kirsch und Wolfgang Hildesheimer hervor. Das charmante, immer etwas zurückhaltende Lächeln des Schauspielers wird hier keiner anderen als der Germanistin Käthe Hamburger gewidmet: »Für Frau Prof. Hamburger alles Liebe!« schreibt Tappert 1987 in einer Prager Weinstube mit schwarzem Stift an die Seite. Mit Käthe Hamburgers Nachlass kommt diese Karte, ein Geschenk einer Freundin, ins Deutsche Literaturarchiv Marbach. – Vom 20. Oktober 1974 bis 16. Oktober 1998, in insgesamt 281 Folgen, schrieb die Krimiserie Derrick deutsche Fernsehgeschichte. In mehr als 100 Länder exportiert, hat sie heute Kult-Status. Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs? Und gibt es nicht mehr Berührungspunkte zwischen einem Krimi und einem Museum, als auf den ersten Blick offensichtlich ist?

Das ist keine Kopfbedeckung sondern eine Denksportaufgabe.

Sagt Sherlock Holmes zu seinem Freund Watson, als dieser sich darüber wundert, warum der Detektiv im Morgenrock und mit seiner Pfeife nachdenklich vor einem gefundenen Hut sitzt. In der Kurzgeschichte »Der blaue Karfunkel« von Sir Athur Conan Doyle kann Sherlock Holmes seinem Freund Watson die Physiognomie und den Charakter eines Mannes allein anhand dessen Kopfbedeckung beschreiben. Eine ganze Lebensgeschichte lässt sich aus einem Gegenstand heraus lesen. Details, wie hier ein abgetragener Hut, machen eine Geschichte lebhafter, sinnlicher, der Leser bekommt die Möglichkeit, sich eine fiktive Welt aus kraftvollen Assoziationen und Unterscheidungen zu schaffen. Doch sie dienen nicht nur dazu, den Gang der Handlung plastischer zu gestalten und die Beobachtungsgabe des Detektivs unter Beweis zu stellen. Von Anfang an legen sie die Spur für das Geheimnis einer Geschichte. – Wenn wir lernen wollen, wie man Menschen und Situationen präzise beschreibt, können wir viel von Kriminalromanen lernen. Nirgendwo sonst erhalten kleinste Details ein so großes Gewicht. Die simple Beobachtung, ob der Asphalt der regennassen Straße unter dem Auto des Verdächtigen noch trocken ist, kann ein Alibi überprüfen. Liegt Staub auf den Schuhen? Warum ist der Knopf an einer Jacke abgerissen? Der ermittelnde Detektiv nimmt diese kleinen Details wahr, die zuletzt das Geheimnis eines Ereignisses lösen. Gleicht er hierbei nicht einem aufmerksamen Museumsbesucher? Der Besuch einer Ausstellung schult unsere Beobachtungsgabe. Welche Dinge fallen mir besonders ins Auge? Weiß ich etwas über ihre Geschichte? Kann man an der Beschaffenheit des Materials, im LiMo zumeist Papier, ablesen, wie alt etwas ist oder welchen Weg es hinter sich hat? Wie sehen die Rückseiten aus? Sind die Blätter sortiert oder unsortiert? Was erzählen die Gebrauchsspuren, die Fingerabdrücke und Rotweinflecken, die Brandlöcher und Randzeichnungen?
 

Nur noch eine Kleinigkeit, Sir.

Museumsbesuche schulen den Blick. Sie können uns lehren, die Welt in ihrer Fülle an sinnlichen Details wahrzunehmen, neue Zusammenhänge zu erkennen und andere gedankliche Verbindungen zu wagen. Eine Krimi-Schreibwerkstatt ist in einem Museum gut aufgehoben. Ausgehend von Gegenständen, Anekdoten und biographischen Hintergründen nähert sich eine fünftägige Schreibwerkstatt der Person Friedrich Schillers unter dem Motto: »Schillers dunkles Geheimnis«. Die Teilnehmer/Innen entwickeln eigene Krimigeschichten, von der Idee bis zum fertigen Text. Dabei werden Methoden der Recherche ebenso zum Zuge kommen wie die dramaturgische Arbeit an einem Krimi-Plot. Unterstützt werden sie dabei von einem echten Experten: Christoph Wortberg, Schauspieler und Verfasser vieler Kriminalromane und Drehbücher für Krimiserien.

»Schillers dunkles Geheimnis« - Eine Krimi-Schreibwerkstatt im Literaturmuseum der Moderne. Montag, 10. August, bis Freitag, 14. August, von 10-16 Uhr. Alter: 13-15 Jahre. Mitzubringen sind Essen und Getränke für die Mittagspause. Anmeldungen unter: 07144-848616 oder: 848617. E-Mail: museum@dla-marbach.de – Die Schreibwerkstatt wird von der Landesstiftung Baden-Württemberg gefördert und kann deswegen kostenlos angeboten werden.

Juli 2009: Bernhard Schlinks "Vorleser"

Wer mit neugierigem Blick durch die Dauerausstellung des LiMo flaniert, wird unter dem Stichwort »1995 Schlink« einen gelben Manuskriptstapel bemerken, der noch vor wenigen Tagen nicht an Ort und Stelle zu finden war. Im Zuge der halbjährlich stattfindenden Aktualisierung hat u.a. eine Neuerwerbung des Archivs seinen Platz in der Vitrinenreihe der Manuskripte gefunden: Bernhard Schlinks »Der Vorleser«. Durch Streichungen und Ergänzungen wird der Text ein immer feineres Gitterwerk mit immer präziseren Motiven. Schamgefühl und Schuldbewusstsein, die den Lauf des Romans bestimmen, werden auf der ersten Manuskriptseite bereits thematisiert. Vier Mal streicht Schlink im unteren Drittel des Blattes »schämte mich«, bis er es letztendlich gelten lässt, um die Gefühle Michael Bergs zu beschreiben, der infolge einer Gelbsucht auf offener Straße erbricht. Die fremde Frau, Hanna Schmitz, die ihm hilft, prägt fortan seinen Lebensweg.

In knapper und präziser Sprache, schnörkellos, geradezu sachlich erzählt Schlink von einer intensiven Jugendliebe, die sich letztlich zu einer Geschichte vom Umgang mit eigener und fremder Schuld, Verantwortung und der Zugehörigkeit des Einzelnen zu einem Kollektiv entwickelt. Was den fünfzehnjährigen Protagonisten an der sechsunddreißigjährigen Hanna anfangs fasziniert, ist die Weltvergessenheit ihrer Bewegungen. »Dieselbe Weltvergessenheit lag in den Haltungen und Bewegungen, mit denen sie die Strümpfe anzog. Aber hier war sie nicht schwerfällig, sondern fließend, anmutig, verführerisch - Verführung, die nicht Busen und Po und Bein ist, sondern die Einladung, im Inneren des Körpers, die Welt zu vergessen.«

Die Welt zu vergessen, indem man sich jener anderen, fremden und zugleich vertrauten Buchwelt hingibt, das ist eine Fähigkeit, die beide miteinander verbindet – so entsteht das Ritual des Vorlesens. Michael liest zunächst, was im Schulunterricht durchgenommen wird. Schiller, Goethe, Lessing, später dann Zweig, Schnitzler, Heine, Mörike, Kafka, Frisch, Bachmann oder Lenz. Die Odyssee von Homer, Michaels Lieblingstext, wird zu einer Art Leitmotiv des Romans. Er spiegelt die Sehnsucht nach dem Ende aller Irrfahrten und Abwege, der ganze Roman ist voller Reisen, Wanderungen, Fahrten und Fluchten. Zuletzt gewinnt Michael die Einsicht, dass Odysseus nicht heimkehrt, um zu bleiben, sondern um erneut aufzubrechen und die Gewissheit, dass eindeutige Festschreibungen von Schuld und Unschuld, Täter und Opfer, Gut und Böse niemals möglich sind.

Jedes neue Exponat der Dauerausstellung schafft andere Verbindungen – der Raum nexus, wie Verbindung, Verflechtung nimmt dies in seiner Namensgebung auf. Wer sich einmal im LiMo auf die Reise durch das vergangene Jahrhundert gemacht hat, weiß, welch unterschiedliche Wege anhand von Schlagworten, Autoren, Freundschaften oder Strömungen durch die Dauerausstellung möglich sind. Doch auch jeder individuelle Blick schafft ganz neue Vernetzungen, sieht andere Zusammenhänge. Am 5. Juli zeigen drei Generationen in gemeinsamen Führungen ihre Lieblingsobjekte in der Dauer- sowie in der Schiller-Wechselausstellung.

»Aktionstag« am Sonntag, den 5. Juli. Öffentliche Führungen um 11, 13, 15 und 16 Uhr.

Juni 2009: Morgensterns "Galgenlieder"

Bücher müssen nicht immer aus Papier, Pappe und Leinen gestaltet sein. Entwürfe und Reinschriften stehen nicht immer auf makellosem Din-A4 Papier. Manuskripte und Typoskripte haben oft ein überraschend gestaltetes Äußeres. – Diese Einsicht gewinnt man schnell, wenn man durch die Vitrinenreihen der Dauerausstellung im LiMo flaniert.

Hermann Hesses Glasperlenspiel ist kapitelweise in Umschlägen von Kunstzeitschriften sortiert und geht mit den Rückseiten gesuchte aber auch unwillkürliche Korrespondenzen ein. Gottfried Benn tippt sein Gedicht »Astern« auf die Speisekarte der Hannoverschen Stadthalle ab. So finden sich Worte wie »Himmel, Licht und Flor« auf der einen und »Kalbshaxe und Krebssuppe« auf der anderen Seite. Ein größerer Kontrast ist kaum denkbar.

Sucht man nach außergewöhnlich gestalteten Büchern, stößt man auf Alfred Schulers beeindruckendes Tabularium für die Kaiserin Elisabeth von Österreich, an dessen prunkvollen Pergamentseiten er anderthalb Jahre arbeitet und dessen goldverzierte Schmuckkassette und Schriftrollenkapsel sein ganzes Geld verschlingt. – Eines der ungewöhnlichsten Bücher aber ist Morgensterns Galgenbuch. Ein Hackebeil mit Holzgriff, zersetzendem Rost und (vermeintlichen) Blutspuren auf Deckblech und Innenleben. Auf der ersten, aufgeschlagenen Seite baumeln zwei Gerippe an einem Galgen, daneben steht in roten, schräg abfallenden Lettern das Motto des Buches: »Laß die Moleküle rasen – Was sie auch zusammenknobeln! Laß das Tüfteln, laß das Hobeln! Heilig halte die Extasen!«

Was ist das Geheimnis dieses Buchs in Beilform? – In den 1890er-Jahren gründet Morgenstern mit sieben Freunden den Bund der »Galgenbrüder«. Sie treffen sich auf dem Galgenberg in Werder bei Potsdam, erfinden füreinander Pseudonyme und tragen sich ihre Galgenpoesie vor. Diese ist voller Humor, Wortwitz und Lautmalerei. »Fischers Nachtgesang« etwa besteht lediglich aus Länge- und Kürzezeichen, »Das große Lalulā« aus Buchstabenketten und erinnert in seinen nur vordergründig sinnlosen Lautmalereien an Hugo Balls »Karawane«.

Die Dichtungen sind voller Sprachgrotesken und makaberen Symbolen und waren zunächst nicht für die Veröffentlichung vorgesehen. Bei Lesungen waren die Texte jedoch so erfolgreich, dass Morgenstern sie 1905 zum Druck freigibt. Sechs der neun Gedichte aus dem Galgenbuch übernimmt er für die Veröffentlichung, darunter auch das aufgeschlagene Motto. Der komische Effekt wird in der Publikation dadurch gesteigert, dass Morgenstern den imaginären Privatgelehrten Jeremias Müller und dessen Ehefrau eine umfangreiche Einleitung und Interpretationen zu den Gedichten schreiben lässt. »Fisches Nachtgesang« etwa wird als »das tiefste deutsche Gedicht« interpretiert. »Das Mondschaf« wird spielerisch und humorvoll zur Kantischen Philosophie in Beziehung gesetzt. Ob dies auf Anhieb gelingt, kann zuletzt selbst überprüft werden:

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm
und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
›Ich bin des Weltalls dunkler Raum.‹
Das Mondschaf.

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn ist rot.
Das Mondschaf.

»Vom Axtbuch zur Geheimschrift.« Die Kinderführung am Samstag, den 27.6.2009 um 15 Uhr wird in der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne nach weiteren ungewöhnlichen Büchern forschen. Am Ende der Führung entsteht für jede Teilnehmerin / jeden Teilnehmer ein ganz persönliches Buch. Wir freuen uns auf Kinder im Alter von 6-10 Jahren.

Mai 2009: Leo Matthias auf dem Koffer

Ein Mann in der Wüste, das Gesicht geneigt, beschattet vom Hut, die Hände ruhen auf der Schreibmaschine im Schoß, die Füße lässig auf einen Koffer gelehnt. Um ihn herum nichts als Sand, sengende, einförmige Wüste. Schier endloser Himmel und verstreute Fußabdrücke. Ein karger, ein ungewöhnlicher Ort zum Schreiben.

Der Journalist und Schriftsteller Leo Matthias verfasst seit den 20er-Jahren soziologisch ausgerichtete Reisebücher; er bereist Europa, Rußland, die USA Lateinamerika oder China. Auf allen Wegen begleitet ihn seine Reiseschreibmaschine, so kann er seine Eindrücke direkt zu Papier bringen. − Dieses Sepiabild, auf Papier geklebt und mit einer rückseitigen Widmung »Für mein Kind«, zeigt Matthias 1929 in der Syrischen Wüste auf seiner Reise durch den Orient. Er erkundet neun Länder und durchquert sechs Wüsten. Fasziniert von der Unendlichkeit der Landschaft sucht er sprachliche Bilder, die der Fülle seiner Eindrücke gerecht werden können − und wird immer wieder vom Zauber der Wüste in den Bann gezogen: »Man hat von diesen leeren Räumen keine Vorstellung. Man glaubt, jede Wüste müsse wie die Sahara aussehen, sandig und gelb, und entfernt an einen Badestrand erinnern, dessen Vorzug, groß zu sein, nur ins Sinnlose verkehrt ist. Aber alles ist ganz anders. [...] Die Gesichte der Wahnsinnigen können nicht irrer sein als diese Wüsten. Was überall nicht ist, das ist hier. Man sieht Unglaubhaftes, begreift es nicht, befühlt es − und es bleibt unglaubhaft«. 1931 erscheinen seine Aufzeichnungen unter dem Titel: »Griff in den Orient. Eine Reise und etwas mehr!«

In der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne findet sich viel, was auf Reisen erdacht wurde: Reisetagebücher- und Literatur, erste Einfälle, Notizen, Schnappschüsse, durch Ausflüge Inspiriertes und auf den Wanderwegen des Geistes Ersonnenes.

Etwa Otto Julius Bierbaums »Empfindsame Reise im Automobil«, die er unter das Motto »reisen zu lernen, ohne zu rasen« stellt, und in der der Autor seine dreieinhalbmonatige Fahrt von Berlin über die Alpen nach Sorrent dokumentiert. Oder Hermann Hesses Notizbuch seiner Indienreise, welche er 1911 auf den Spuren seiner Eltern und Großeltern unternimmt, die beide als Missionare in Indien waren. Auch Hugo von Hofmannsthals Idee zu »Die Frau am Fenster« entsteht während einer Radreise, die er im August 1897 über Salzburg, die Dolomiten und Verona nach Varese unternimmt. In Verona liest er d’Annunzios dramatisches Gedicht »Traum eines Frühlingsmorgens« und notiert seine Gedanken zu einem eigenen lyrischen Drama direkt ins Buch hinein.

So manch eine Textidee ist inspiriert durch Reisen und Ausflüge, durch die Sehnsucht nach neuen, lustvollen Wegen: Wenn auf einer Wanderung nahezu selbstvergessen ein Schritt auf den nächsten folgt, sich der Blick durchs Zugfenster weitet, sich die Gedanken auf dem Rad mit der vorbei fliegenden Landschaft lösen und neue Eindrücke die Phantasie anregen. − Ein Ausflug ins LiMo ist am Internationalen Museumstag eine Reise in die Fußstapfen dieser Geisteswanderungen, Fernsicht gelebter Abenteuerlust und Nahaufnahme der entstandenen Werke zugleich.

Der Internationale Museumstag im Literaturmuseum der Moderne: »Im Weiten unterwegs. Ausflüge im LiMo.« Führungen durch die Dauer- und Wechselausstellung am Sonntag, den 17. Mai um 11, 13, 15 und 16 Uhr.

Apri 2009l: ein Brief von Kurt Tucholsky

»lihbe mammi der Papi hat mich mit ins gescheft genomen da ist es fein der Papi sizt an einen tischsch und macht ein ernstes Gesicht und sagt himmelldonerweder bei sonen Zeiten soll ein mensch witze Machen und der Papi ist nicht mer dig und ich glaube er hat sensucht nach dir lihbe Mammi und ich Auch «

In Sütterlin-Schrift, ungleichmäßig, manchmal in auf- manchmal in absteigendem Zeilenfall, mit Rechtschreib- und Grammatikfehlern gespickt gibt dieses Blatt Rätsel auf. Wer ist der Absender des in roter Tinte geschrieben Briefs? Ein kleines Kind?


Schaut man auf die Rückseite, so erkennt man den Namen: »Ludolf«. - Ludolfs Vater arbeitet, so vermag uns der Briefkopf am linken oberen Rand zu erzählen, bei »Ulk«, dem Beiblatt zum Berliner Tagblatt und ist niemand anderes als Kurt Tucholsky, der Chefredakteur. Sein Sohn jedoch - und mit ihm der Inhalt dieser Zeilen - ist ein Geschöpf der Sehnsucht, die Erfindung zweier Liebenden, die sich Kraft ihrer Phantasie über die räumliche Trennung hinweg verbinden.
In seinen Briefen an seine große Liebe Mary Gerold nutzt Tucholsky alle Mittel, die einem Briefeschreiber zur Verfügung stehen: Er verschickt Uhren, Gebäck, selbstgebastelte Fahnen, Collagen, die verschiedensten Briefpapiere und Kuverts, schreibt mit Schreibmaschine oder, wie hier, im Namen des von den beiden erfundenen Sohns.


In den Vitrinenreihen der LiMo-Dauerausstellung findet man viele solcher kreativen, einfallsreichen Briefe. Neben Liebesbriefen schlummern Freundschaftsbriefe, Fanbriefe und manchmal auch ihr Gegenteil, Schmähbriefe. − Wie nähert man sich dem Abwesenden, Fernen, Herbeigewünschten? Wie sortiert man seine Gedanken auf dem Papier? Wie fängt man einen Brief an und wie hört man ihn auf? Was kann man alles auf Briefpapier und Umschlag zaubern? Bei all den kreativ gestalteten Briefen im LiMo lassen sich Tricks und Ideen fürs eigene Schreiben abschauen. Sie machen Lust, sich eines Mediums zu bedienen, das in Zeiten von Internet und E-Mail zu etwas Besonderem geworden ist. Die teilweise vergilbten Blätter, die Zeichen der Freundschaft, Liebe und der Auseinandersetzung mit dem eigenen künstlerischen Werk berühren uns immer noch. Ihre papierne Gegenwart wirkt zeitlos, erlaubt einen Blick in die Vergangenheit, die sich in jedem Augenblick des Schauens und Entdeckens neu konstituiert; wie das »heutte«, das Tucholsky - alias Ludolf - oben rechts neben die Ziffern »191« setzt.

Briefe wie dieser stehen am 25. April um 15.00 Uhr im Mittelpunkt der Kinderführung »Schreib mal wieder!«, die durch die Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne führt. Im Anschluss an die Führung wird selbst zu Stift, Schere und Papier gegriffen.

März 2009: Richard Dehmels Schiller-Gedicht

Diese Zeilen Richard Dehmels stammen aus dem Jahr 1905. Zu finden sind sie in der Dauerausstellung des LiMo, ganz am Anfang der Vitrinenreihe, die den Besucher zu einer Zeitreise durchs vergangene Jahrhundert einlädt.

1905 galt es das 100jährige Todesdatum Friedrich Schillers zu feiern.

Manch einer mag sich noch gut an das jüngst zurückliegende Gedenkjahr erinnern: Erst vor vier Jahren, 2005, jährte sich Schillers Todesdatum zum zweihundertsten Mal. Dehmels Text zeigt: Die Klage um den Kult der sich ständig wiederholenden, oftmals nah beieinander liegenden Gedenk-, Geburts- und Todestage ist kein Kind der heutigen Zeit. Damals wie heute scheiden sich die Geister, wenn es darum geht, einen berühmten Zeitgenossen repetitiv und mit immer neuem Enthusiasmus allein aufgrund des Kalendariums zu feiern.

Dehmels Zeilen, die er mit fester, geschwungener Schrift auf das Din A5 große Blatt setzt, richten sich gegen die Vereinnahmung Schillers, die, das ist bekannt, nicht nur persönliche, sondern im Laufe der Geschichte auch politische Tendenzen angenommen hat. Dennoch: Was vermag uns nach so vielen Schiller-Gedenkjahren anhaltend für diesen Dichter zu begeistern? Die Antwort ist schlicht: Sein dichterisches Schaffen, seine Biographie, seine Persönlichkeit, aber auch der Kult der Nachwelt um diesen Dichter, die Sammeltätigkeit der Archive selbst, dies alles kann neue Seiten zum Vorschein und altbekannte in Erinnerung bringen.

Das Deutsche Literaturarchiv nimmt das diesjährige Jubiläum zum Anlass, eine große Wechselausstellung im Literaturmuseum der Moderne zu zeigen: »Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung.« Im Mittelpunkt stehen die Dinge, die man von Schiller an seinem Geburtsort Marbach gesammelt hat und in denen sich der Umriss seines Körpers nahezu vollständig abbildet. Der Dichter existiert hier buchstäblich von Kopf bis Fuß. Dem Besucher eröffnet sich an den neun planetenrunden Material- und Denkbildern, den Briefen, Büchern, Portraits und Manuskripten das reiche Spektrum einer poetischen Welt, die sich zwischen zwei Polen erstreckt, die Schiller immer wieder beschwört: Himmel und Hölle.

»Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung.« Öffentliche Führungen durch die Ausstellung an jedem Samstag um 15 Uhr im Literaturmuseum der Moderne.
 

Februar 2009: LiMo, der Bau

 Literaturausstellungen brauchen besonders dunkle Kammern. Nicht mehr als 50 Lux vertragen Papiere und Tinten, wenn sie nicht verfärben und ausblassen sollen. Das von David Chipperfield Architects entworfene Literaturmuseum der Moderne, das im Jahr 2006 eröffnet wurde, ist primär für die Ausstellung von empfindlichen, flachen Exponaten bestimmt. Wie eine kleine Schatzkammer schmiegt es sich an den Hang der Schillerhöhe. Die schlanken Pfeiler, die zur Arkadenlandschaft werden, die raumhohen Fenster, der Gang hinab zur Ausstellungsfläche, die schlichte Kombination aus Sichtbeton und warmem Ipé-Holz, dies alles lenkt die Wahrnehmung von der Distanz auf die Nähe, von außen nach innen, vom Großen auf das Kleine. Kein Ausstellungsraum gleicht dem anderen, doch alle sind zurückhaltend, fast puristisch und bieten eine konzentrierte Atmosphäre für die Zeitreise in die Welt der Literatur.

»Architekturführung.« - Am Sonntag, den 22. Februar um 15 Uhr im Literaturmuseum der Moderne.

Januar 2009: Martin Mosebachs »Nebelfürst«

Die Literaturschule LINA, ein Pilotprojekt am Literaturmuseum der Moderne, bindet Schüler aktiv in die Vermittlungs- und Forschungsarbeit des Museums ein. Die ersten beiden Projekte – die Sichtung des Nachlasses von Peter Hacks und eine Audioführung von Schülern für Schüler – werden am 1. Februar 2009 mit einem Film und einer Ausstellung vorgestellt. Vorab schon einmal – und als Einladung zur Veranstaltung –ein Text von Marili Wollgarten, die in der ersten Station der Audioführung Martin Mosebachs Nebelfürst präsentiert.

Kannst Du Dir vorstellen, dass sich unter diesem Hügel, der Schillerhöhe, ein riesiger Keller mit über 800 000 Büchern und etwa 20 Millionen Einzelblätter an Handschriften befindet? Das Deutsche Literaturarchiv hat über 1.200 Schriftsteller- und Gelehrtennachlässe. Würde man alle grünen Marbacher Archivkästen aneinander reihen, wären das sage und schreibe 35 km. Wenn man die unterirdischen Magazinräume betritt, fällt einem sofort der besondere Geruch auf. Ein Textausschnitt aus dem Buch »Die Stadt der Träumenden Bücher« von Walter Moers kann Euch diesen Geruch nahe bringen:

»Es gibt Leute, die diesen Geruch nicht mögen, die auf dem Absatz kehrtmachen, wenn er ihnen in die Nase steigt. Zugegeben, es ist kein angenehmer Geruch, er ist hoffnungslos unmodern, er hat mit Zerfall und Auflösung zu tun, mit Vergänglichkeit und Schimmelpilzen – aber da ist auch noch etwas anderes. Ein leichter Anflug von Säure, der an den Geruch von Zitronenbäumen erinnert. Das anregende Aroma von altem Leder. Das scharfe intelligente Parfüm der Druckerschwärze. Und schließlich, über allem, der beruhigende Geruch von Holz. Ich rede nicht von lebendem Holz, von harzigen Wäldern und frischen Fichtennadeln, ich rede von totem, entrindetem, gebleichtem, gemahlenem, gewässertem, geleimtem, gewalztem und beschnittenem Holz – kurz: von Papier.«

Papier, das ist das Stichwort! Hier unten in dem Raum nexus gibt es auch eine Menge altes Papier – eines dieser Schriftstücke stammt von Martin Mosebach. Durch Zufall fand der Autor in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein altes, von Mäusen zerfressenes Schriftstück in einer Abrissvilla im Frankfurter Westend. In den 90er Jahren begann er für sein Buchprojekt zu recherchieren, er erfand grenzenlos, bediente sich aber auch einiger Fakten – denn die Geschichte des Abenteurers Theodor Lerner, der um 1890 zur Bären-Insel am Nordpol reiste, hat sich tatsächlich zugetragen. »Der Nebelfürst« kam 2001 in die Buchläden und ist somit noch relativ aktuell. Mosebach schrieb noch viele weitere Werke wie etwa »Die Türkin« oder »Eine lange Nacht«. Bei seinem hier ausgestellten Manuskript, das mit den Zeilen »Frau Neuhausens Auftauchen hatte immer etwas plötzliches....« beginnt, hat Mosebach eine sehr kleine Handschrift gewählt, um sich, wie er selbst sagte, keinen Platz für nachträgliche Korrekturen zu lassen. Auch der Wasserfleck rechts unten auf allen drei Blättern ist auffallend. Er muss nach dem Beschreiben der Blätter passiert sein. Doch welchen Zweck hatten die Feder und die Indianer-Maske? Vielleicht kannst Du es Dir zusammen reimen?

»LINA das erste Mal im Museum.« - Sonntag, 1. Februar 2009 um 11 Uhr. Nach der Veranstaltung, um 12 und um 15 Uhr, finden die letzten Führungen durch die Sebald- und Atom-Ausstellung statt. Der Eintritt ist von 10 bis 18 Uhr frei.

Dezember 2008: das Reimlexikon von Peter Hacks

»Seuche. Vogelscheuche. Bäuche. Gebräuche. Ich keuche. Ich verscheuche.« - Was sich hier gibt  wie moderne Lyrik ist ein Auszug aus dem Reimlexikon «Reim dich oder ich fress dich« von Hans Harbeck. Das schmale, von Lesespuren durchzogene Buch stammt aus dem Jahr 1965 und fand seinen Weg ins Archiv über den Nachlass des Schriftstellers Peter Hacks.

Ein Reimlexikon macht noch keinen guten Dichter, ist aber ein hilfreiches Arbeitsbuch und ist man einmal daran gewöhnt, alle Wörter auf -etter, -obeln oder -under herauszusuchen, mag man es nicht mehr missen.

Die tabellarisch gereihten Reimwörter ergänzt Hacks mit verschiedenfarbigen Stiften. Zu »Bäuche« schreibt er »Sträuche, »Wetter« vervollständigt er um »Donner-Wetter« und zu »die Säue« fügt er die »Schläue«. - Dichter sind oft regelrechte Wörtersammler. Es werden Listen angelegt, einzelne Wörter umkreist, wiedergekäut und an der richtigen Stelle erneut ausgespuckt − so wie es der sprechende Titel des Reimwörterbuchs heraufbeschwört.

»Ich keuche / und verscheuche / die leuchtende / Vogelscheuche.« - Dies wiederum ist tatsächlich ein Gedicht. Ein Teilnehmer der Literaturschule, einem Pilotprojekt am Literaturmuseum der Moderne, hat es in der Auseinandersetzung mit Hacks Reimlexikon gedichtet.

Seit September beschäftigen sich 15 Grundschüler mit dem Nachlass des 2003 verstorbenen Dichters. Die Kinder der Literaturschule lassen die Besucher des Museums an ihrem Wissen und ihren Erfahrungen teilhaben, wenn am 6. Dezember die Dauerausstellung aktualisiert wird und ein kleiner Teil der über 1300 Exponate ausgetauscht wird. Denn fünf der insgesamt neun Neuzuänge stammen aus dem Nachlass des Dichters Hacks.

»Ab ins Windloch! Seitenwechsel mit Peter Hacks.« - Familiensamstag im LiMo, am Samstag, den 6. Dezember um 15 Uhr im Literaturmuseum der Moderne.

November 2008: Rilkes vier Punkte

Die zierliche Bleistiftschrift dieses Blattes gehört Rainer Maria Rilke. In schlichten, geschwungenen Buchstaben und geradem Zeilenfall tritt uns das »Karussell« entgegen. Es ist das einzige der 1907 veröffentlichten »Neuen Gedichte«, von dem ein Manuskript existiert und wirkt wie eine Reinschrift - nur ein Buchstabe wird durchgestrichen und ein Wort, da es nicht mehr in die Zeile passt, darunter gesetzt.

Andere Blätter im »Weg der Manuskripte« weisen auf den ersten Blick reizvollere Spuren auf: Wilde Streichungen, endlos umkreiste Wörter, Kommentare und Bewertungen, die freimütig neben die gedichteten Zeilen gesetzt werden, Reißspuren, Tintenkleckse oder bewusste, manchmal auch unfreiwillige Korrespondenzen mit dem Beschreibpapier. – Was dieses Gedichtmanuskript ausmacht, ist etwas ganz anderes, etwas, das zunächst unsichtbar bleibt, wenn man den Wortlaut der Zeilen nicht kennt:

»Mit einem Dach und seinem Schatten dreht  
sich eine kleine Weile der Bestand  
von bunten Pferden alle aus dem Land,   
das lange zögert eh es untergeht;  
zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Muth in ihren Mienen -  
ein böser rother Löwe geht mit ihnen  
Und dann und wann ein kleiner Elefant.«

Die berühmte Wiederholungsformel »Und dann und wann ein weißer Elefant«, in die drei der vier Gedichtstrophen münden, markiert Rilke jeweils durch fortlaufende Punkte. Auslassungspunkte, die wie hier am Satzende stehen, lassen etwas unbeantwortet und regen die Phantasie an, jene Leerstelle zu füllen. Für den Autor waren sie eine Art Platzhalter, reduzierte Zeichen, in denen gleichwohl die ganze Satzmelodie mitschwingt und der genaue Fortgang der Zeilen aufgehoben ist. – Viele andere Beispiele kunstvoller Schreibrationalisierung lassen sich in der Dauerausstellung des LiMo finden. Raum und Hinweise als Betrachter den Wortlaut verschiedener Manuskripte und Briefe, Zettel und Aufzeichnungen zu ergänzen bietet die Spezialführung »Weg-Lassen. Von der Kunst der Abkürzungen« am Tag der offenen Tür.

Zum Jahresthema »Lassen»: Die vierte Spezialführung durch das Literaturmuseum der Moderne stellt am Tag der offenen Tür, am Sonntag, den 9. November um 15 Uhr die Kunst der Abkürzungen in den Blickpunkt.

Oktober 2008: Objekte, Autor unbekannt

Flaniert man den »Weg der Bücher« in der Dauerausstellung entlang, fällt einem in den 20er Jahren dieses Buch ins Auge: »Heinz Reiss: Dollarbeben«. Sprechender hätte der Titel der »utopischen Chronik« graphisch nicht umgesetzt werden können. Das Exponat ist ein schönes Beispiel für die Buchgestaltung der 1920er-Jahre - der Verfasser und der Inhalt des Werks sind allerdings heute weitgehend unbekannt. Das Archiv ist auch eine Bibliothek, in der sich die vergessenen, die unbekannten Autoren treffen.

Doch wie sondert man die Fülle an Namen, die ein Archiv versammelt, in »Bekannt« und »Unbekannt«? Wer kennt beispielsweise Emma Aberle? - Die Dichterin hat es in Marbach zu einiger Berühmtheit gebracht. Ihr literarischer Nachlass, der sich über sechs Marbacher Archivkästen erstreckt, ist schießlich der Auftakt zu den insgesamt 27 Kilometer langen Regalreihen des unterirdischen Magazins des Deutschen Literaturarchivs.

Die Trennlinie zwischen »Bekannt« und »Unbekannt« ist stetig im Wandel, gewissermaßen streitbar und für jeden Besucher anders - manchmal auch bei jedem Besuch. Meist gilt: Wir suchen lieber das Bekannte als das Unbekannte. In einer Literaturausstellug zieht es uns unweigerlich zu den Namen, die uns etwas sagen, die wir immer wieder gerne aufsuchen, weil sie uns vertraut sind. Die Dauerausstellung spielt mit diesem Phänomen. Sie lässt Bekanntes unbekannt erscheinen, und macht Unbekanntes bekannt. Neben berühmten Manuskripten, Briefen und Büchern des vergangenen Jahrhunderts finden sich unbekannte Briefeschreiber, vergessene Autoren, flüchtige Lebensspuren sowie namenlose Schriften und Bücher.

Die dritte Führung, die zum Jahresthema »Lassen« angeboten wird, widmet sich diesen geheimnisvollen Unbekannten. Manch ein Autor oder Briefeschreiber wird vielleicht immer unbekannt bleiben, weil sein Name nicht überliefert ist. Andere Unbekannte wiederum können wir in Bekannte verwandeln, schlicht, weil wir ihnen einmal begegnet sind.

»Ver-Lassen. Von Manuskripten und Briefen Unbekannter« - Spezialführung am Sonntag, den 12. Oktober um 15 Uhr im Literaturmuseum der Moderne.

September 2008: ein Gechenk für Erich Kästner

Diesen Brief schickt ein unbekannter junger Leser 1968 an Erich Kästner.
Mit der Stichsäge ausgesägt und mit Buntstiften bemalt tritt uns »Gustav mit der Hupe« aus Sperrholz entgegen. Der kreative Inhalt der Post steht dem Briefumschlag in nichts nach: »Herrn Erich Kästner, Schriftsteller, München« . Trotz der unvollständigen Adresse erreicht er den Autor, da die Berufsbezeichnung den Empfänger buchstäblich dingfest macht und zeigt, wie berühmt Kästner knapp 40 Jahre nach dem Erscheinen seines Kinderbuchklassikers »Emil und die Detektive« ist.

In der Dauerausstellung des LiMo finden sich viele Spuren von Kindern: Sie schreiben ihrem Lieblingsautor Briefe, malen ihm Bilder, basteln Collagen oder Fotopräsentationen. Sie schreiben ihm von ihren Wünschen und Träumen, schicken Entwürfe und Ideen für eigene Geschichten und Bücher, erzählen in ihren Briefen von ihrer Lektüreerfahrung und richten ihre Fragen an den Schriftsteller wie an einen guten Freund. Es scheint, dass Literatur besonders junge Leser dazu anregt, sich kreativ mit ihrer eigenen Phantasie auseinander zu setzen - sei es, dass sie die Lieblingslektüre illustrieren oder dazu animiert werden, selbst Geschichten zu schreiben. 

Doch die Frage lautet: Was ist eigentlich Literatur? Und was findet man in einem Literaturmuseum? Dieser Brief ist eines von vielen Beweisstücken, das in der Kinderführung von den LiMo-Detektiven gesammelt wird. Die Ermittlungen führen kreuz und quer durchs Museum. - Es ist kein leichter Auftrag. Aber es wird wie immer ein spannender Fall!

Die »LiMo-Detektive« gehen am Samstag, den 27. September um 15 Uhr wieder auf Spurensuche.

August 2009: eine Zigarrenkiste aus dem George-Kreis

»Der Abbrand rund und gleichmäßig, angenehmer Zug. Wenig Schärfe. Leicht holzig, feine Süße. Und ein Hauch von Honig auf den Lippen«. So liegt, glaubt man der Beschreibung, eine Romeo y Julieta Sport Lagros zwischen den Lippen und auf der Zunge. Wer die 100 Zigarren dieser Kiste aus dem Jahr 1935 rauchte und ob die »Sport No. 1« wie die Romeo y Julieta aus Kuba kam, lässt sich heute nicht mehr herausfinden. Umso genauer ist zur Zeit in einer Wechselausstellung der Zusammenhang erforscht und präsentiert, in dem ihr jetziger Inhalt steht: Ein zigarrenlanges Gipsmodell vom Kopf des Magdeburger Reiters, das der Bildhauer Victor Frank anfertigte. Otto der Große, der zweihundertfünfzig Jahre nach seinem Tod im Jahr 981, mit dem Reiter am Magdeburger Dom sein Denkmal bekam, ist wie Dante, Schiller, Baudelaire, Homer oder auch Michelangelos Jessaja einer der großen Geister, die Stefan Georges Jünger im Antlitz ihres Meisters wiederkehren sahen, der im übrigen ein großer Zigarettenraucher war und seinen ›Staatstabak‹ hütete wie seinen Augapfel.

Das »stille Heer« von über 180 Köpfen, das heute noch von dieser Verehrung des Hauptes im George-Kreis zeugt, ist noch bis zum 31. August im LiMo zu sehen. »Wer sich für die Geistesgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts interessiert, muss diese Ausstellung gesehen haben« (Süddeutsche Zeitung). Am 30. August bietet sich dazu von 18 bis 22 Uhr eine besondere Gelegenheit: Ob Georges steinerne Gäste zu sprechen (und zu rauchen) anfangen, sobald die Sonne untergeht, das Zwielicht der Dämmerung hereinbricht und die Schatten der Nacht die Herrschaft übernehmen? Ob dann auch die Feenträume, Fieberabende und Gespensternächte aus Walter Benjamins »Berliner Kindheit« Zum Ende der Ausstellungen » im dunklen Museum ihr Eigenleben entfalten?

»Das geheime Deutschland. Eine Ausgrabung« und »Walter Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert« wird in Führungen um 19, 20.30 und 21.30 Uhr die Gunst der Stunde auf die Probe gestellt. Sie sind wie der Eintritt ab 18 Uhr an diesem Abend frei.


Juli 2008: ein Malbrief an Johannes Bobrwoski

»Hoffentlich kannst Du alles lesen und schimpfst nicht auf mich«, schreibt die Malerin und Kinderbuchautorin Lilo Fromm am Schluss ihres Briefes an den Freund Johannes Bobrowski. Ihr Brief aus dem Jahr 1960 ist in der Tat außergewöhnlich und vielleicht auf den ersten Blick nicht leicht zu lesen: Aus gebrauchtem Papier und einem Briefumschlag samt Briefmarke entsteht eine Figur mit Hut und Regenschirm. Um diese Figur herum, liebevoll »Marquise de Pimpernelle« getauft, schreibt die Briefeschreiberin ihre Zeilen, einmal quer und einmal längs, mit Nummerierungen und Pfeilverweisen, berichtet von der neu eingerichteten Druckerwerkstatt ihres Lebensgefährten Christoph Meckel und gibt den Kauf einer Schallplatte in Auftrag.

Klebe- und Malbriefe wie dieser stehen am 26. Juli um 15.00 Uhr im Mittelpunkt einer Kinderführung durch die Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne. Bei all den unterschiedlichen Briefanfängen und Unterschriften, kreativ gestalteten Papieren und Umschlägen lassen sich Tricks und Ideen fürs eigene Schreiben abschauen: Im Anschluss an die Führung wird selbst zu Stift, Schere und Papier gegriffen.

Juni 2008: eine Kiste aus Ernst Jüngers Nachlass

Die Glückwünsche zu Ernst Jüngers 100. Geburtstag füllen dreizehn Marbacher Archivkästen: vom offiziellen Schreiben über Fanpost bis zum privaten Gruß. In der Dauerausstellung des LiMo ist einer von ihnen ausgestellt: der Kasten mit den Absendern »Ku – Meu«. Die Hinterlassenschaft des umstrittenen Autors, der 1998 im Alter von 102 Jahren verstarb und dem 2010 eine große Ausstellung in Marbach gelten wird, gehört zu den umfangreichsten Nachlässen des Deutschen Literaturarchivs. Eine Spezialführung zum Thema »Hinter-Lassen. Von Schriftstellernachlässen im Archiv«, die am Sonntag, den 1. Juni um 15 Uhr im LiMo stattfindet, macht bei ihm Station. Er hat, wie die meisten der Nachlässe im Archiv, sein ganz eigenes Gesicht. Ganz anders etwa sehen die Nachlässe von W.G. Sebald und Hermann Hesse aus oder Franz Kafkas Nachlass wider letzten Willen.

Manuskriptkonvolute, Tagebücher, Leserpost, kuriose Erinnerungsstücke und Bücher voller Lesespuren: Nicht jeder Nachlass hat alles zu bieten. Er zeigt immer auch das Selbstverständnis eines Autors, ist Teil seiner Arbeit an jenem Bild, das er der Nachwelt von sich hinterlassen möchte.



Mai 2008: eine Fahrradpostkarte von Sarah Kirsch

»Karl, hast Du Dein Rad geölt und winterfest gemacht?«, schreibt Sarah Kirsch an ihren Dichterkollegen Karl Mickel. »Wir, Deine Lieblingsfrauen aus der Lüneburger Heide kommen demnächst und holen Dich zu einer Großen Arno-Schm.-Tour ab! So long keep doing wrong oder so. // S.«

Diese Postkarte mit der Aufforderung zur »Arno-Schm.-Tour« verschickt Kirsch nach 1983 aus dem holsteinischen Tielenhemme, das 125 Kilometer von Schmidts Wohnort Bargfeld entfernt liegt. In den 1960er-Jahren gehörten Kirsch und Mickel zur »Sächsischen Dichterschule«, die Arno Schmidt verehrte, als er in der DDR noch gar nicht auf dem literarischen Markt präsent war und der Besitz eines Schmidt-Buches ein intellektuelles Statussymbol war.

Sarah Kirschs Postkarte ist eines von vielen Fahrrad-Exponaten der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne (LiMo), die am Internationalen Museumstag am Sonntag, 18. Mai, im LiMo im Blickpunkt stehen.

Öffnungszeiten: 10-18 Uhr. Führungen um 11, 14, 16 und 17 Uhr. - Für Fahrradfahrer ist der Eintritt frei.