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Minetta Street
Ich bin, vor jenen "tausend Jahren",
Viel in der Welt herumgefahren.
Schön war die Fremde; doch Ersatz.
Mein Heimweh hieß Savignyplatz.
Weißgott, ich habe unterdessen
Recht viel Adressen schon vergessen.
- Wenn's heut mich nach "Zuhause" zieht,
So heißt der Ort: "Minetta Street".
Minetta Street ist eine Gasse,
Aus Höflichkeit nur "Street" genannt,
Im "Village", wo die Künstlerklasse
New Yorks ihr Klein-Montmartre fand.
Hier gehn die Mädchen kurzgeschoren,
Die Jünglinge im langen Haar.
Hier nennt sich jede Kammer "Studio"
Und jede Schenke "Künstlerbar".
Trotz deines Talmi und Lametta
- Du Auch-Bohème in Reinkultur -
Gehört mein Herz dir längst, Minetta!
Und nicht des Reimes wegen nur.
Auf hohem Fuß leb ich, verbatim -
Vier Treppen hoch - mit Mann und Kind,
Wo wir zuweilen außer Atem,
Doch niemals ohne Himmel sind.
Hier, wo der Jünger des Picasso
Mit "Ismus" malt statt Genius,
Schwang der Indianer einst sein Lasso,
Rauschte der Old Minetta-Fluß.
Du hörst ihn unterirdisch hasten,
Wenn er vom Eis erwacht im Lenz,
- Im "Penguin", wo die Literasten
Sich raufen um die "Existenz".
Sein Murmeln klingt durch meine Träume
Oft wie ein Quell im Odenwald.
Wacht man dann auf, so sind die Bäume
Laternen nur im Stadtasphalt.
Und doch, trotz Talmi und Lametta -
In "poetry" und auch in "rose"
Sing ich dein Lob, my dear Minetta,
Und nicht des Reimes wegen bloß.
Wenn einst, in friedlicheren Zeiten
Die Länder um das Vorrecht streiten,
(Scheint die Besorgnis auch verfrüht):
"Tja, welches von M. K.'s Quartieren
Soll die ‚Hier wohnte'-Tafel zieren . . .?"
- Ich stimme für Minetta Street.
New Yorker Sonntagskantate
Die Kinder spieln vorm Haustor, sonntagsreinlich.
Den „Daddy“ führt spaziern sein Dackelhund.
Die „Times“ im Arm wiegt heute sieben Pfund.
– Vielleicht nur sechs. Doch seien wir nicht kleinlich!
Aus Küchenfenstern duften Roast und Pie.
Die Glocken melden, dass es Sunday sei.
Die Kirchen des Bezirks, in dem wir wohnen,
Bedienen zirka zwanzig Konfessionen
Wohlassortierter Christen und Buddhisten,
Presbyterianer, Hindus und Baptisten.
Und selig wird bei Chor und Orgelton
Ein jedermann nach seiner Konfession.
Es ziehn die italienischen Familien
Zur nächsten „Lieben Fraue von Sizilien“,
Und auch die Iren, gute Katholiken,
Und fleißige Besucher von Budiken,
Erweisen sich als brave Sonntagsbeter.
- die Schenke öffnet ohnehin erst später.
So gegen Mittag legen sechs Millionen
– Vielleicht nur fünf – die „Comics“ aus der Hand
Und kauen ihren Toast (leicht angebrannt)
Nebst Schinkeneiern, Vollmilch und Melonen;
Und Vater lauscht, getreu der Tradition,
Dem Gotteswort der Fernseh-Funkstation.
Miss „Teenage“ harrt, geschniegelt und gebügelt;
Der Ausgehschmuck (echt Woolworth) glitzert toll:
Von Eros sowie Mister Ford beflügelt,
Kaugummiwiederkäuend, naht Apoll.
Wie diese Zwei den Abend absolvieren,
Läßt sich millionenfach multiplizieren:
Vom ersten „Martini“ zum letzten Kaffee
Rollt alles sich ab nach bewährtem Klischee.
Denn was sich schickt und wann, wenn zwei sich lieben,
Ist gottseidank ausführlich vorgeschrieben
Und führt, sofern man diplomatisch war,
Zum „Happy End“. Das heißt, zum Traualtar.
„What’s wrong with that? You sure are sentimental!“
– Gewiß: ich bin „hopelessly Continental“.
Ein Überbleibsel längstverschollner Art,
Leid ich am Klima dieser Gegenwart.
Verzeihen Sie den Ausflug ins Private…
Schluß der New Yorker Sonntagskantate.
Alle Rechte vorbehalten
Aus: Verse für Zeitgenossen.
Erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek
© Gisela Zoch-Westphal
