Museum

Projekte

zurück

Mignon oder Goethes Kunst, Sätze zu bauen

"(Mignon) haben Heike Gfrereis und Diethard Keppler die bezwingendste Interpretation gewidmet. Ein langer schwarzer Teppich folgt dem Verlauf von Wand, Treppe und Boden, eingewebt ist der Text einer Romanszene: der berühmte Eiertanz, den Mignon für Wilhelm aufführt. Leuchtende Kunststoffeier markieren die Interpunktion – Punkte, Kommata, Semikola. Man kann – ohne Schuhe – auf dem Teppich die Rhythmik der Sätze abschreiten und nachhüpfen." (Hannes Hintermaier, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Ausstellen ist das Exponieren von Dingen in einem realen Raum. Literatur ist das Exponieren von Buchstaben und Wörtern in einem imaginären Raum. Diese minimalen Gleichungen sind der Ausgangspunkt unserer Idee, die das Paradox jeder Literaturausstellung (zeigen, was nicht zeigbar ist, weil es durch sukzessives Entschlüsseln von Zeichen im Kopf entsteht und nur in der Erinnerung an Lektüren fassbar ist) durch Bescheidenheit des Ziels unterlaufen möchte: Wir möchten nicht mehr und natürlich auch nicht weniger, als den Besuchern durch eine andere Form der Lektüre – die Exposition von Wörtern im realen Raum – die ästhetische Erfahrung einer Passage aus dem zweiten Buch der Lehrjahre zu erleichtern, in der Mignon die Hauptrolle spielt.

In dieser Passage mit ihren 402 Wörtern, 397 Leerzeichen, 75 Satz- und Pausenzeichen (50 Kommas, 20 Punkten, einem Ausrufezeichen und vier Absatzmarken) zeigt Mignon ihre Kunst, exponiert ihren Körper und ihr Wesen, analog zu den mit gemessenen Schritten sich entfaltenden Sätzen. Wir haben Goethes Text auf einen Filzteppich gedruckt, der so im Raum liegt, dass die Besucher durch diesen Einführungstext mit seiner weithin sichtbaren Überschrift an den Anfang geführt werden und dann die Wörter von oben nach unten, von links nach rechts abgehen können. Die optisch-akustischen Maßeinheiten der Prosa sind mit beleuchteten, unter dem Teppich verkabelten Gegenständen (konkret: Plastikostereiern, weil diese anders als die abstrakte Form, der Tischtennisball, keine Naht haben) markiert, so dass die Besucher über sie buchstäblich hinwegschauen müssen und sogar hinwegsteigen oder -hüpfen können, um den Text zu lesen.

Ein Wink mit dem Zaunpfahl. Beim Einblick in den Raum erscheint der Text auf den ersten Blick als Gewebe mit einem sich durch die Satz- und Pausenzeichen ergebenden Muster. Beim Hinausgehen werden die besonderen Funktionen deutlich, die dieses Muster an dieser Passage der Lehrjahre besitzt: Es zeigt dem Leser nicht nur, wie in anderen Texten, die Stellen des Innehaltens und der schwebenden und sich senkenden Stimme an. Die Satz- und Pausenzeichen machen aus dem Fluß der von Goethe gewählten, oft in Paaren oder Reihen eingesetzten Wörter erst Musik, bestimmen deren Melodie und deren Rhythmus und verwandeln sie in ein Uhr- und Räderwerk, das Mignons Tanz so eindrücklich vor unsre Augen bringt, dass wir sie als Geschenk der Lehrjahre in Erinnerung behalten. Filmdokumentation