Museum

Schiller-Nationalmuseum (SNM)

Ausstellungskonzeption

Sechs Fragen an Dr. Heike Gfrereis (Leiterin des Schiller-Nationalmuseums und des Literaturmuseums der Moderne) zur Eröffnung des Schiller-Nationalmuseums am 10. November 2009

1. Warum wird der Mittelpunkt des Schiller-Nationalmuseums, der Schiller-Saal, nicht mehr für Ausstellungen genutzt?
Weil aus inhaltlicher, architektonisch-ästhetischer, konservatorischer und programmatischer Sicht alles dafür gesprochen hat, diesen schönen Raum nicht als Ausstellungsraum zu nutzen.
Hätten wir im Schiller-Saal wie früher Originale zeigen wollen, so hätten wir verdunkeln und kühlen müssen – ein unmögliches Unterfangen allein angesichts der Installations- und Energiekosten in diesem historischen, sehr hohen Raum. Zudem wäre der von den Ausblicken in die Landschaft und dem Spiel des Tageslichts lebende Saal gänzlich von der Außenwelt abgeschlossen worden.
Der Schiller-Saal ist selbst ein Ausstellungsexponat, ein architektonisches Juwel. Die Reliefs an seinen Wänden illustrieren Schiller-Gedichte, die Fenster öffnen den Blick auf den Schicksalsberg der schwäbischen Dichtung, den Hohenasperg, durch die Türen ist das Schiller-Denkmal auf der Schiller-Höhe sichtbar. Morgens streift das Sonnenlicht die Büste des Hausherren im Foyer, nachmittags verwandelt sie die Kassettendecke des Schiller-Saals in ein sternengeschmücktes Himmelszelt, abends fällt sie auf das Eingangsrelief, auf dem Schillers »Mädchen aus der Fremde« die Gaben der Dichtung verteilt.
Der Schiller-Saal ist auch und gerade ohne Ausstellung der schönste poetische Imaginationsraum, den man sich denken kann. Ein Ort, um der Literatur zu begegnen, sie zu zitieren, an sie zu erinnern und über sie zu sprechen. Vom nächsten Jahr an werden wir ihn in den Mittelpunkt unseres Veranstaltungsprogramms stellen und für Lesungen und Gespräche nutzen.

2. Was unterscheidet die neue Dauerausstellung im Wesentlichen von der alten – und was von der kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung »Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung«? Gibt es neue Exponate?
Die neue Dauerausstellung konnte in dem architektonisch neu interpretierten Gebäude des Schiller-Nationalmuseums nicht nur anders angeordnet, sondern auch anders gedacht werden als ihre Vorgänger-Ausstellungen. Da mit dem Literaturmuseum der Moderne für die Wechselausstellungen und die Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts ein eigenes großes Museum zur Verfügung steht, haben wir Ausstellungsfläche dazu gewonnen und konnten das Archiv auf den Kopf stellen, um bislang noch nicht oder nur temporär ausgestellte Objekte zu zeigen.
Die alte Dauerausstellung war biografisch aufgebaut, d.h., die unterschiedlichsten, in einer Vitrine versammelten Exponate illustrierten ein wichtiges Ereignis, eine zentrale Konstellation im Leben eines Autors, z. B. »Ludwigsburg. In der Residenz«, »Bauerbach. Theaterdichter und Publizist«, »Freundschaft mit Goethe« oder »Das Dramenverzeichnis. Maria Stuart« bei Schiller oder »Pfarrer in Cleversulzbach« und »Späte Jahre« bei Mörike.
Die Autopsie-Ausstellung hat, von Kopf bis Fuß, Schillers eindrücklichste Lebensspuren ins Zentrum gestellt, um von ihnen aus einen frischen Blick auf seine Texte und die Ideenwelt um 1800 zu eröffnen: vom Hut zum Wilhelm Tell, von der Tabaksdose, den Zahnstochern und Handwärmern zu den Räubern, von der Weste zu Anmut und Würde und den Hosen zum Don Karlos.
Mir hat es wie vielen Besuchern, die uns begeistert schrieben, großes Vergnügen bereitet, diese Dinge zu verbinden, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemein haben, dann aber oft in ihren Zusammenhängen offenbaren, wie humorvoll und anspielungsreich Schiller dichtete, wie er mit dem Körper und der Seele, den Gefühlen, dem Denken und Sprechen experimentierte. Dennoch: Die neue Dauerausstellung ist anders als diese und anders als die Vorgänger-Dauerausstellung. Sie besitzt ihre in inhaltlicher wie methodisch-gestalterischer Hinsicht eigene Logik.
Die Ausstellungsräume im Schiller-Nationalmuseum sind vollkommen anders als im Literaturmuseum der Moderne. Wir wollten in diesen historischen, von David Chipperfield Architects neu interpretierten, sehr privat und landsitzartig wirkenden Räumen, mit den technischen und finanziellen Möglichkeiten, die wir jetzt haben, die für unseren auf die Erkenntniskraft der Originale setzenden und das Marbacher Museumsprogramm prägenden methodischen Ansatz beste aller Dauerausstellungen machen. Wir zeigen die Schätze dieses Orts zur Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts in ihrem Reichtum und einer bislang noch nie zu sehenden Fülle, vermitteln Erfahrungen und Erkenntnisse, die nur durch den oft zeitintensiven Umgang mit Archivalien möglich sind – und das mit der möglichsten Konzentration aller gestalterischen Mittel auf eine Grundfunktion des Museums: das Zeigen und Lesbarmachen von Originalen.
Jeder der neun Ausstellungsräume im Schiller-Nationalmuseum besitzt sein eigenes Raumbild und seinen besonderen Zugriff, seine auf den ersten Blick erfassbare besondere Perspektive auf die Dinge. Der Fokus liegt auf dem, was an diesen Dingen sichtbar und nur durch sie zu entdecken ist, auf literarischen Verfahren, auf Veränderungen von Zeichensystemen, Vorstellungs- und Ausdruckswelten, Sprech- und Darstellungshaltungen. Einfachere, unmittelbar eingängige Räume wie zu Schillers Bildern, seinen Lebensspuren und seinen Kleidern oder auch zu Motiven wie ›Liebe und Wahnsinn‹ wechseln sich ab mit schwierigeren, verrätselteren Kapiteln zu Schillers Werkstatt und seiner Bibliothek, zu ›Energie und Schrift‹ oder ›Ursprung‹.
Wer das Museum nur kurz besucht, soll einen bleibenden Eindruck mitnehmen können, wer wiederkommt, soll neue Entdeckungen machen können. Wir zeigen 668 Exponate, rund ein Drittel mehr als in der alten Dauerausstellung, die 2004 abgebaut worden ist. Vor allem die Ausstellung zu Schiller ist reicher an Exponaten geworden. Die Manuskripte und Briefe der Marbacher Schiller-Sammlung etwa sind in bislang nie gezeigter Fülle zu sehen, und die alten und guten Bekannten – Schillers Totenmaske, Mörikes Turmhahn, Kerners Klecksographien, Hölderlins Widmung »Wem sonst als dir« – haben neue Nachbarn bekommen. 

3. Die Ausstellung ist in zwei Bereiche geteilt: »Schiller« im Nordflügel, die »Schwäbische Dichterschule« im Südflügel. Warum diese Beschränkung auf die schwäbische Literaturgeschichte?
Der Schwerpunkt der Marbacher Sammlung liegt naturgemäß auf den Schwaben. Man kann im »Pantheon der Schwaben« kaum vorbei an den Dichtern und Denkern, die zeitlich und räumlich so nah beieinander aufwuchsen wie Schiller und Hölderlin, Wieland und Schubart, Kerner, Uhland, Hauff, Vischer, Schwab, Waiblinger, Mörike, Hegel, Schelling. Es gibt auch keinen Grund, warum man es können sollte. Ein nicht geringer Teil der deutschen Literaturgeschichte – vor allem ihr idealistischer, von Geistesgröße und Seelentiefe träumender, die Idee einer deutschen Nationalliteratur herausbildender und  mit der Entdeckung des Unbewussten die Moderne vorbereitender Teil – ist ohne die schwäbische Literatur und Philosophie undenkbar.
So viel Lokalpatriotismus zum Trotz: Die Helden der neuen Dauerausstellung heißen nicht nur Mörike, Hölderlin und Schiller; die »Schwäbische Dichterschule« und die schwäbische Literaturgeschichte ist nicht ihr Thema – es sei denn, man ignoriert die Tatsache, dass Schiller die meisten seiner Werke in Mannheim, Jena und Weimar und eben nicht in Marbach, Ludwigsburg und Stuttgart geschrieben hat, und rechnet Goethe und Jean Paul, Lessing und Kleist, Kant und Lichtenberg, Klopstock, Hebel, Heine und Fontane, Keller und Stifter, Humboldt und Nietzsche zu den Schwaben. Sie alle kann man im Schiller-Nationalmuseum, vor allem dank des schwäbischen »Weltliteratur«-Verlegers Cotta, oft mehr als einmal finden.

4. Wie ist die neue Ordnung der Dauerausstellung zu lesen? Was war die Kernidee, die zu Ihrem Ausstellungskonzept führte?
Was meinen Sie mit »Lesen«? In welcher Richtung man durch die Ausstellungen gehen soll? Oder gar: Was die Ausstellung »bedeuten« soll? Es gibt im Schiller-Nationalmuseum keinen vorgeschriebenen Rundgang, den man abarbeiten muss. Wer im Schiller-Saal steht, der hat die Wahl zwischen einem Schiller- und einem Thementeil. Die Räume im Schiller-Teil setzen wie ein Kaleidoskop das Phänomen Schiller aus unterschiedlichen  Bausteinen zusammen und laden zum hin und her gehen zwischen Körperbild und Körperspur, Schreiben und Leben ein. Die Räume im Thementeil folgen einer heuristischen wie historischen Chronologie: Sie führen vom Kleinsten, Mikroskopischen –  den Satz- und Schriftzeichen –  zu poetischen Modellen der Weltentdeckung und -erklärung, von der Sprech- zur Lebenshaltung, aber auch vom Zeitalter der Empfindsamkeit zu Nietzsches Nihilismus, von der Französischen Revolution über die Napoleonischen Kriege, die Restauration und 48er-Revolution hin zur Gründung des Deutschen Reichs 1870/71.
Man kann die Dauerausstellung im Schiller-Nationalmuseum wie jene im Literaturmuseum der Moderne je nach Interesse auf verschiedene Weise lesen. Auch sie gibt keine Bedeutungen vor, will das genaue Lesen und Schauen schulen, nicht einen schnell fasslichen Sinn vermitteln. Anders als diese legt sie allerdings durch die thematisch motivierte Kombination von Exponaten Betrachtungsweisen nahe. Sie ist intimer, pointierter lesbar und weniger spröde. Die Geschenke der Literatur, die schönen Stellen und Blütenlesen, sind in ihr auf engerem Raum vorhanden. Ihre Grundfrage ist nicht wie im LiMo: Was gibt es alles in einem Archiv wie dem deutschen Literaturarchiv? Was kann man daran sehen? Warum ist das alles wert, bewahrt zu werden? Sie gibt Antworten darauf, wie Schrift und Papier zu individuellen Ausdrucksmedien und zu Stellvertretern von Mimik und Gestik, von ganzen Menschen werden konnten, warum so im 18. Jahrhundert die Literatur zur heiligen Poesie und die Autoren zu Dichterfürsten werden und in der Konsequenz die Nachlässe von Dichtern in Archiven gesammelt und in Museen gezeigt werden.
 
5. Wie haben Sie dabei die neuen Räume inspiriert?
Die Idee für die neue Dauerausstellung ist mit dem Konzept für das Literaturmuseum der Moderne entstanden. Wir haben von Anfang an versucht, beide Museen zusammenzudenken und im Kontrast zueinander anzulegen. Der Innensanierung des Schiller-Nationalmuseums lag ein Gesamtkonzept zugrunde, das von Anfang an diese Art der Ausstellung von Originalen vorsah – schwierig für die Architekten, deren Spielraum durch diese sehr dichte Nutzung eines Denkmals sehr gering war, eine Herausforderung aber auch für uns, weil wir uns ganz auf unsere Archivbestände und die Aufgabe konzentrieren mussten, sie in ihrer Zartheit und oft hinreißenden und ergreifenden Schönheit allen konservatorischen Auflagen zum Trotz lebendig werden zu lassen.
Das war nur machbar, weil es zwischen Architekten, Kuratoren und Gestaltern sowohl beim LiMo wie beim Schiller-Nationalmuseum von Anfang an einen intuitiven Konsens gab. Inspiriert hat uns dabei das historische Gebäude, die Vision dessen, was aus ihm werden könnte, wenn man ihm sein Ende der 70er-Jahre angelegtes Gewand auszieht und sich traut, die Ursachen und Folgen der Dichterverehrung in ihm aus einer heutigen Sichtweise zu zeigen. Hätten wir darauf gewartet, dass uns die Musen in den neuen Räumen küssen, dann hätten wir leider jetzt erst anfangen können. Die Ausstellung ist sogar ein wenig früher fertig geworden als die Baumaßnahmen.

6. Wie sehen Sie persönlich die Geschichte des Schiller-Nationalmuseums?
Wenn ich mir die Fotos von der Grundsteinlegung 1901 anschaue und jetzt auf den großen Campus blicke, der im Laufe von etwas mehr als 100 Jahren aus diesem kleinen Museum gewachsen ist, dann erzählt die Architektur hier oben eine ungeheure Erfolgsgeschichte. Und wenn ich daran denke, wie ich als Kind von Ludwigsburg aus nach Marbach geschaut habe, dann scheinen mir die Früchte dieses Erfolgs nun diesem Museum selbst zugute gekommen zu sein: Es kommt mir jetzt zum ersten Mal von innen mindestens so schön vor wie von außen.