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Ab 4. März:

Zettelkästen. Maschinen der Phantasie
Literaturmuseum der Moderne
4. März bis 15. September 2013
»Hier fuhr aus den aufgezognen Schleusen des Herzens ein reißender Strom von Blut unter das Räder- und Mühlenwerk seiner Ideen hinein, und die ganze geistige Maschine klapperte, rauschte, stäubte und klingelte –.« Schreiben macht, zumindest in Jean Pauls Siebenkäs, einen Höllenlärm. Der Zettelkasten ist die leibgewordene und vordigitale Variante dieser Phantasiemaschine: Lesefrüchte und Schreibeinfälle werden hier gesammelt und einsortiert, vernetzt und verschachtelt und – durch Glücksaufschläge, Buchstaben- oder Zahlencodes – immer wieder in neue Zusammenhänge gebracht: ›Es‹ denkt und schreibt.
Die Ausstellung versucht die Geheimnisse dieser Kästen und ihrer Maschinisten zu ergründen, darunter einige der berühmtesten Zettelkastenimperienbauer: Jean Paul, Arno Schmidt und Walter Kempowski, Hans Blumenberg, Friedrich Kittler, Niklas Luhmann und Aby Warburg.
Die durchsichtige Plastiktüte, in der Arno und Alice Schmidt die von ihm in den Papierkorb geworfenen und von ihr wieder herausgeholten Zettel zu Caliban über Setebos aufbewahrt haben, nannten die beiden »das Gehirn«. Niklas Luhmann hat seine Zettelkästen zu »einer Art Zweitgedächtnis, einem alter Ego« erklärt, eine Art Traumkiste, die unwillkürlich Assoziationsketten erzeugt: »Ohne die Zettel, also allein durch Nachdenken, würde ich auf solche Ideen nicht kommen. Natürlich ist mein Kopf erforderlich, um die Einfälle zu notieren, aber er kann nicht allein dafür verantwortlich gemacht werden«. Hans Blumenberg schrieb auf eine seiner rund 30.000 Karteikarten ein Zitat von Immanuel Kant. »Denken ist reden mit sich selbst ... innerlich hören«. Blumenbergs Karteikarten führen als Leitfaden durch die Ausstellung: die mit den 15 Buchstaben eines unvollständigen Alphabets die unterschiedlichsten Zettel-Labyrinthe von Schriftstellern und Wissenschaftlern vorstellt.

Zur Ausstellungseröffnung am 4. März 2013 spricht anlässlich des 250. Geburtstags von Jean Paul Norbert Miller mit Meike Werner über den Briefwechsel des großen Jean-Paul-Herausgebers Eduard Berend mit Heinrich Meyer (18 Uhr) und mit Navid Kermani über Jean Pauls Zufälle, seine schönsten Stellen und das Schreiben (20 Uhr): »Solang ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein.« Kartenreservierung

Zur Ausstellung erscheint ein Marbacher Katalog, hrsg. von Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter, mit Beiträgen u.a. von F.C. Delius, Wilhelm Genazino, Hans Ulrich Gumbrecht, Eckhard Henscheid, Jochen Missfeldt und Alissa Walser.