Museum

Ausstellungen

Wechselausstellungen

Der ganze Prozess
VERLÄNGERT bis zum 21. April!

Wohl am 11. August 1914, einem Dienstag, wurde einer der berühmtesten Romane der Moderne begonnen, ohne je abgeschlossen zu werden: Der Prozess von Franz Kafka. Die erhaltenen 161 Blätter des Manuskripts widersprechen der Vorstellung, ein Roman entstehe linear – werde vom Anfang bis zum Ende erzählt, eins nach dem anderen. Kafka hat in den rund sechs Monaten, die er am Prozess gearbeitet hat, Kapitel und Kapitelteile in zehn verschiedene meist 40 Blätter umfassende Hefte im Quartformat geschrieben, oft an mehreren Kapiteln zugleich in verschiedenen Heften arbeitend und sich buchstäblich verzipfelnd, Seite an Seite mit Tagebucheinträgen und Entwürfen zu anderen Texten, kreuz und quer und manchmal auch auf dem Kopf, zwei Teile gegeneinander führend, indem er ein Heft einfach umgedreht hat, um es auch von hinten nach vorne zu beschreiben. Nun ist erstmals das ganze Manuskript ausgestellt: Blatt für Blatt und in den unterschiedlichen Ordnungen seiner Entstehung und Veröffentlichung.

Ein Marbacher Magazin mit Texten und Kunst-Kommentaren u.a. von Louis Begley, Stanley Corngold, Péter Ésterhazy, Saul Friedländer, Wilhelm Genazino, Anselm Kiefer, Brigitte Kronauer, Sibylle Lewitscharoff, rosalie, Pavel Schmidt und David Welberry begleitet die Ausstellung. Begleitprogramm und Projekt "Kafka 2014. Original und Verwandlung Führungen durch die Ausstellung und Angebote für Schulklassen Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und dem Innovationsfond Kunst des Landes Baden-Württemberg.


August 1914. Literatur und Krieg

VERLÄNGERT bis zum 21. April!

Der Elsässer Dichter Ernst Stadler ist 30, als Österreich-Ungarn vier Wochen nach dem Attentat auf dessen Thronfolgerpaar am 28. Juli 1914 Serbien den Krieg erklärt und einer der ereignisreichsten Monate der Weltgeschichte beginnt: Am 1. August macht Deutschland mobil und erklärt am 3. Frankreich den Krieg, am 4. tritt Großbritannien in den Krieg ein – am Monatsende werden es schon 15 Nationen von Europa bis Japan sein. Doch was ist der August 1914 für die einzelnen Menschen? Wie verhält sich die private Zeit zur historischen Zeit? Was wird in diesen vier Wochen geschrieben? Welche Parallelgeschichten aus dem ersten Weltkrieg der Geschichte finden sich in einem Literaturarchiv – und wie gehen sie bis zum offiziellen Kriegsende am 11. November 1918 weiter?
Stadler, der in Oxford studiert und in Brüssel deutsche Literatur unterrichtet hat, beginnt am 31. Juli ein Kriegstagebuch: »Morgens Einkäufe: Revolver«. Am selben Tag, einem Freitag, nimmt der gleichaltrige Franz Kafka in Prag eines seiner zwei Tagebücher in die Hand: »Ich habe keine Zeit. Es ist allgemeine Mobilmachung. K. und P. sind einberufen. Jetzt bekomme ich den Lohn des Alleinseins. Alleinsein bringt nur Strafen.«
Nie zuvor in der Geschichte wurde so viel geschrieben wie im August 1914, nichts scheint (außer vielleicht die Liebe) das Schreiben so notwendig zu machen wie der Krieg. Stadler und Kafka sind nur zwei der Autoren, deren Tagebücher oder tagebuchähnlichen Briefwechsel in der Ausstellung wiederholt aufgeschlagen werden – der August 1914 wird Tag für Tag aus dem Archiv geholt, der Zeitraum danach stichprobenartig. ›Zeit‹ lässt sich aus diesen meist kleinformatigen Büchern und Briefen sehr persönlich und konkret entfalten: Sie sind für ihre Schreiber und Leser Formen der Dauer, aber auch des kurzen, manchmal sogar letzten Augenblicks. Jedes Tagebuch, jeder Brief ist für sich ein eigener historischer Erfahrungsraum, alle zusammen sind sie eine Begegnung mit den vielen Stimmen dieses ungeheuren Krieges. Eröffnungsvortrag von Helmut Lethen: »Im Schallraum der Schlacht«.

Ein Marbacher Magazin begleitet die Ausstellung, die durch eine Truppenbücherei ergänzt wird, die mit Unterstützung der DFG für die Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs Marbach rekonstruiert worden ist.  Führungen durch die Ausstellung und Angebote für Schulklassen
Die Marbacher Ausstellung ist Teil eines Kooperationsprojekts mit den Bodleian Libraries in Oxford, wo Kafkas Tagebücher liegen, und der Bibliothèque nationale et universitaire in Straßburg, wo Ernst Stadler sein Kriegstagebuch begonnen hat. Zwischen 2013 und 2015 zeigen im Rahmen der Kooperation »Krieg in den Archiven« drei verschiedene Ausstellungen an drei unterschiedlichen Orten national unterschiedliche Archiv-Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg. Kafkas Tagebücher konnten im Rahmen dieser Kooperation aus Oxford nach Marbach ausgeliehen werden und Straßburg hat in Marbach seine Sammlung von Schützengrabenzeitungen vorgestellt. Im Sommer 2014 gehen dann Stücke aus dem Nachlass von Ernst Stadler in die Ausstellungen nach Oxford (The Great War: Personal Stories from Downing Street to the Trenches) und Straßburg (1914. La mort des poètes), während in Marbach in einer zweiten Ausstellung den Krieg als Teil eines großen privaten Bilderapparats der Moderne zeigen: Die Reise. Fotos von unterwegs.