Kassiber: Verbotenes Schreiben : Ausstellungseröffnung : [Vortrag, Rede]
Liao, Yiwu (1958-); Raddatz, Fritz J. (1931-2015); Martin-Liao, Tienchi; Wiesner, Herbert (1937-); Raulff, Ulrich (1950-); Betz, Karin
Marbach a. N. : Dt. Literaturarchiv, 2012 - 104 Min.
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Raddatz, Fritz J. / A3.6.5 Die Stimme des Autors
Liao, Yiwu / A3.6.5 Die Stimme des Autors
S2.3.3 Buchgeschichte / Einzelne Probleme / Zensur
S2.3.2.2 Buchgeschichte / Einzelne Formen des Buches / Tarnschrift
S8.6.7.1 Gefangenenliteratur / Hilfsmittel
S9.3.7 Literarisches Leben / Zensur, Überwachung
"Kassiber" - das sind laut Ulrich Raulff "verbotene Schriften, unterdrückte Nachrichten, geschmuggelte Botschaften, Texte, die sich wie Schreie anhören, und andere, die flüstern. Flüstern, das wie ein Selbstgespräch klingt oder wie ein Gebet." Die Ausstellung "Kassiber. Verbotenes Schreiben", die vom 27. September 2012 bis zum 27. Januar 2013 im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zu sehen war, beleuchtete das "Phänomen des Schreibens-trotz-allem". Ulrich Raulff erläutert den Gegenstand dieser Ausstellung bei der feierlichen Eröffnung folgendermaßen: "Schreiben am Nullpunkt der bürgerlichen, moralischen und rechtlichen Existenz. Schreiben im Angesicht des Todes und der Bedrohung mit Haft und Verbannung. Schreiben in der Situation totaler Erniedrigung und Hoffnungslosigkeit. Schreiben trotz allem." Es geht zweifelsohne "um Extremsituationen des Schreibens". Der Schreibakt, der "in der Haft, im Lager, auf der Flucht, in der Verbannung" erfolgt, wird aber auch zum "Akt der Selbstrettung": Den ihn umgebenden Kerkerwänden setze der Schreibende die überlegene Macht des Wortes und der Schrift entgegen. Die Umsetzung dieses spannenden Themas gestaltete sich für die Ausstellungsmacher schwieriger als man vielleicht annehmen möchte: "denn ihrer Natur nach wollen Kassiber unsichtbar bleiben. Sie machen sich klein bis zum Verschwinden, sie maskieren und tarnen sich." Ulrich Raulff definiert sie als "geistige und materielle Fluchtfahrzeuge". So würden Kassiber stets versuchen, "sich aus der Sichtbarkeit zu schleichen". Sie seien "Kunstwerke der Verdichtung und der List". Alle in der Ausstellung gezeigten Objekte waren "Träger von Geschichten". Fritz J. Raddatz führt in seinem kenntnisreichen Vortrag, der mit einer Begriffsbestimmung beginnt, einige anrührende, zutiefst bewegende und durchaus auch erschütternde Kassiber-Schicksale an. Im Zentrum der Marbacher Ausstellung standen die handschriftlichen, im Original gezeigten Kassiber des chinesischen Schriftstellers Liao Yiwu: Die brüchigen Blätter, entstanden während seiner vierjährigen Haftzeit (1990-1994), sind mit winzigen, ameisengleichen Schriftzeichen randvoll beschrieben und konnten aus dem Provinzgefängnis von Dazhu erfolgreich herausgeschmuggelt werden. Im letzten dieser vier Jahre in Haft arbeitete Liao Yiwu an den Manuskripten eines mehrbändigen Romanwerks mit dem Titel "Überleben". Der von ihm verfasste Essay "Der passende Ort für einen Dichter ist das Gefängnis", der von Liao Yiwu in gekürzter Fassung auf Chinesisch und von Karin Betz in deutscher Übersetzung anlässlich der Ausstellungseröffnung gelesen wird, gibt Auskunft über Entstehung und Inhalt dieses umfangreichen Romanwerks.
- Vortrag, Rede
- Lesung