Eva Geulen, Marie Luise Knott

These 3

Literaturarchive schaffen den literarischen und intellektuellen Kanon mit: Das Archivieren in die Zukunft setzt die stetige Diskussion der Entwicklungen in Literatur und den öffentlich wirksamen Bereichen von Wissenschaft und ein Diskutieren der Kriterien dessen voraus, was es zu archivieren gilt – und was nicht.

EVA GEULEN (Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung in Berlin)
Da gibt es auf den ersten Blick wenig zu diskutieren. Dass Archive am Kanon mitwirken, gilt auch für exzentrische Sammlungen wie etwa die ›Library of Unpublished Books‹ von Richard Brautigan, der einmal gesagt hat: »Everybody has a place in history. Mine is in the Clouds.« – Und nicht wissen konnte, dass die Cloud einmal der Name eines Speichers sein würde, der tendenziell mit Archiven konkurriert. Zu fragen ist dann, wie das die Funktion eines Archivs verändert und was es machen soll, wenn alle plötzlich alles Mögliche sammeln und speichern können und ein ›Recht auf Vergessen‹ förmlich eingeklagt werden muss. Vielleicht bedarf es unter solchen Bedingungen vor allem des Muts zur Lücke.
Und natürlich muss man diskutieren, auch mit der Wissenschaft, die leider häufig nicht verstehen will, dass ihre Arbeit gegen den (herrschenden) Kanon immer noch eine Arbeit am Kanon ist und nie zu Ende. Aber auch hier sind der Zukunftsplanung Grenzen gesetzt, denn vollständige Transparenz der Sammlungs-Kriterien erreichen zu wollen, wäre fatal. Muss gerade ein ›zukunftsfähiges‹ Archiv auch lernen, sich selbst zu überraschen?

MARIE LUISE KNOTT (Autorin)
Archive sammeln Vergangenes und stellen dieses einst Gegenwart Gewesene der Zukunft bereit. Doch sie dürfen ihre Sammelstrategien nicht an einer imaginierten bzw. imaginären Zukunft ausrichten, denn jede Projektion in die Zukunft verengt die Wahrnehmung der Gegenwart. Der Spagat: nicht den Moden folgen, sondern die »Eigenzeiten ernst nehmen« (Blumenberg); sich von den Rändern und Nöten der Gegenwart affizieren lassen.
In den heutigen Zeiten von Migration und Globalisierung verändert sich auch die hiesige Literatur: Sprachen kontaminieren einander. Sie sind unzugehörig. Zudem ist die Wachheit und Sensibilität für das Fremdwerden der eigenen Sprache auch Triebkraft für wachsendes translatorisches Begehren. Ohne Übersetzer wäre Weltliteratur ein leerer Begriff. Und jede Nationalliteratur wäre ohne diese Botenstoffe aus der Fremde arm. Noch nie wurde so viel übersetzt wie heute. Die Debatte zur Poetik der Übersetzung vertieft sich. Sie gehört ins DLA. Ein Deutsches Literaturarchiv muss heute transterritorial (Exil) und translingual agieren, das heißt: auch fremdsprachige Autoren, die hier leben, als mögliche Nachlassgeber mitdenken.

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