Patrick Bahners, Marcel Lepper

These 5

Ein Literaturarchiv wie das DLA Marbach ist eine literarische Denkfabrik: ein Archiv der literaturpolitischen Zeitläufte, aber kein politisches Archiv. Es begründet seine Existenz aus einem großen Versprechen der Aufklärung, nämlich: unparteilich zu sein.

PATRICK BAHNERS (Frankfurter Allgemeinen Zeitung)
Wer sich dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein. In der Ermahnung aus dem Volksmund steckt auch ein tröstliches Moment: Für Modeliebhaber ist serielle Monogamie möglich. Einem Literaturarchiv ist diese idyllische Ausflucht verschlossen. Sein Material sind Nachlässe. Jede Einladung zum Flirt, den es an eine vorübergehende Gestalt des Geistes richtet, erzeugt eine Papierspur, deren Sicherung ihm aufgegeben bleibt. Es stapeln sich dann Kästen mit den eigenen Torheiten, die nicht als Torheiten abgetan werden dürfen. Postume Polygamie ist ein Rezept des Unglücks und tötet die Lust am Text.

MARCEL LEPPER (Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar)
»Die Partei, die Partei, die hat immer recht«, so will es das Lied von Louis Fürnberg. Im Literaturarchiv der Akademie der Künste in Berlin kann man nachlesen, dass die Angelegenheit komplizierter war – nicht nur für Fürnberg. »Die Partei hat immer recht«, so titelte auch Ralph Giordano, als er mit dem Stalinismus abrechnete. Pathos oder Ironie, Schiller oder Goethe, Parteilichkeit oder Parteikritik: Das Archiv kühlt gleichmäßig. Giordanos Nachlass liegt heute in Marbach.
Literaturarchive sind wetterfest, wenn sie nicht lautstark Partei ergreifen. Wenn sie ihre Erwerbungsstrategien nicht dem Beweis einer politischen These unterwerfen, sondern den komplexen Kriterien literarischer Wertung und forschungsorientierter Relevanzabschätzung, ist die Chance höher, dass sie in zwei, drei Jahrzehnten noch in gleicher Weise gebraucht werden – und nicht als Wunderkammern vergangener Interessenlagen verdämmern.
Nun ist freilich nichts so politisch wie die Behauptung, unpolitisch zu sein – das musste schon Thomas Mann im Rückblick schmerzlich einsehen. Wer wird verewigt, wer darf auf die Bühne? Die Kämpfe um Redeanteile und Deutungshoheit sind in diesen 2020er-Jahren wieder voll entbrannt – im Archiv wird man eines Tages staunen. Wenn Literaturarchive ihre Kanon-, Einladungs- und Kooperationspolitik reflektieren, dann können sie tatsächlich ihren Part zur Tagesration Aufklärung beitragen: den funktionsfähigen Multilateralismus einüben, den wir nötiger brauchen denn je.

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