Der Nachlass von Joachim Fest im DLA
Das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) hat den Nachlass des Historikers und Publizisten Joachim Fest übernommen. Der Nachlass dokumentiert Leben und Werk eines der namhaftesten Intellektuellen seiner Zeit. Als Zeithistoriker und Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Joachim Fest das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland lange mitgeprägt; als Biograf und Essayist war er national wie international hochgeschätzt. Seine Hitler-Biografie löste eine intensive Kontroverse über die historische Deutung Adolf Hitlers und des Nationalsozialismus aus und wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, ein Weltbestseller. Sein Archiv wurde sukzessive übergeben und ging jetzt vollständig in den Besitz des DLA über. Wir danken der Friede Springer Stiftung, Klaus Mangold und Michael Endres für ihre großzügige Unterstützung.
Joachim Fests Nachlass umfasst bedeutende Quellen zu historischen, kulturellen und kunsthistorischen Themen. Aus seiner publizistischen Arbeit beim RIAS Berlin, beim NDR, beim Spiegel und bei der FAZ sind zahlreiche Texte und Briefe überliefert. Zu Fests Korrespondenzpartnern zählten Politiker, u.a. Willy Brandt, Klaus von Dohnanyi, Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker; Autoren, Publizisten und Wissenschaftler, u.a. Hannah Arendt, Rudolf Augstein, Heinrich Böll, Sebastian Haffner, Eckhard Henscheid, Rolf Hochhuth, Ernst Jünger, Joachim Kaiser, Siegfried Lenz, Golo Mann, Alexander Mitscherlich, Dolf Sternberger, Marcel Reich-Ranicki und Martin Walser. Unter den Verlegern sind Klaus Piper, Wolf J. Siedler, Siegfried Unseld und Helen Wolff vertreten. Zudem sind zahlreiche Manuskripte zu seinen Büchern enthalten, u.a. zu Das Gesicht des Dritten Reiches (1963), Hitler. Eine Biographie (1973), Speer. Eine Biographie (1999), Der Untergang (2002) und zur Autobiographie Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend (2006). Fests Auseinandersetzung mit Kunst und dem Kunstmarkt ist ebenfalls dokumentiert, u.a. durch mehr als 200 Postkarten und Briefe von Horst Janssen.
Joachim Fest (1926-2006) wuchs in einer Familie auf, die in Opposition zum NS-Regime den wichtigsten Teil ihrer finanziellen Grundlagen verlor (der Vater wurde im März 1933 beurlaubt und im Herbst desselben Jahres aus dem Schuldienst entlassen). 1944 wurde er als Mitglied der sogenannten Flakhelfer-Generation einberufen und kehrte 1947 aus der US-Kriegsgefangenschaft in Frankreich nach Deutschland zurück. Er studierte in Freiburg, Frankfurt a.M. und Berlin Jura, Geschichte, Soziologie, Germanistik und Kunstgeschichte und begann seine berufliche Laufbahn beim Berliner RIAS, wo er bald eine eigene Sendereihe im Bildungsrundfunk verantwortete. 1961 wechselte er zum Norddeutschen Rundfunk nach Hamburg; wo er ab 1963 Chefredakteur war. 1968 begann er mit der Arbeit an seiner Hitler-Biografie, gleichzeitig war er als freier Mitarbeiter für den SPIEGEL-Essay zuständig. Als FAZ-Herausgeber (1973-1993) holte Fest Autoren wie u.a. Marcel Reich-Ranicki in die Redaktion. Zu einem besseren deutsch-jüdischen Verhältnis trug er durch Freundschaften und Verbindungen in die jüdische Diaspora bei. Joachim Fest initiierte die Erinnerungskultur der jungen Bundesrepublik mit, die bis zum »Historikerstreit« sein Leitthema blieb. Seine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen der Zeit, nicht zuletzt mit der Studentenbewegung und ihren Folgen, trug maßgeblich zur politischen Relevanz des FAZ-Feuilletons bei.
Für sein Lebenswerk wurde Joachim Fest u. a. mit dem Theodor-Wolff-Preis (1972), dem Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck (1981), der Goetheplakette der Stadt Frankfurt a.M. (1987), dem Ludwig-Börne-Preis (1996) und dem Henri-Nannen-Preis (2006) ausgezeichnet.
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