Archiv der Wechselausstellungen
Ordnung. Eine unendliche Geschichte
Auch ein kurzes Gedicht fällt selten vom Himmel. Das Archiv weiß von schweren Geburten, schiefen Bahnen und krummen Wegen. Die Berechnung hinterlässt deutlichere Spuren als die Inspiration, die Arbeit am Ausdruck widerlegt die Vorstellung von der Dichtung als Erlebnis. Mit Zetteln und Plänen, wilden Stapeln und penibler Buchhaltung wird die poetische Kreativität stimuliert und der Beziehungsreichtum der Buchstaben und Sätze untereinander vorangetrieben. Durch Bündeln und Weglassen, Verdichten und Verwerfen entstehen die höheren Ordnungen der Literatur.
Neben dem Schmutz der Arbeit tragen die Ordnungshilfen den Glanz zur Schau, den der Traum von einer besseren Welt in der Literatur wie im Leben hinterlassen hat. Sie sind Sternschnuppen, Himmelsstürmer oder wie Hermann Hesses Klingsor immerhin hübsche Raketen: »Schön und traurig verknistern ihre blauen Sterne in der Finsternis. Ich werde auch neue Raketen machen. Sie werden mich überleben, um Stunden und Tage, und werden noch am Himmel zucken, wenn mich die Erde geschluckt hat«.
Die große von Heike Gfrereis und Helga Raulff kuratierte Sommerausstellung sichert die Spuren, welche die immanenten Ordnungen der Literatur in ihrer Werkstatt – im Büro der Autoren – hinterlassen haben. Eingebunden in das Jahresthema 2007 »Ordnen« stellt sie die sichtbaren Spuren dieser unendlichen Aufräum- und Weltverbesserungsarbeiten vor. Von Wieland, Klopstock, Jean Paul, Schiller, Goethe, Hölderlin, Hegel, Eichendorff, Mörike und Fontane zu Nietzsche, Rilke, Schnitzler, Hesse, Lasker-Schüler, Wolfskehl, Benn, Döblin, Tucholsky, Kästner, Heidegger, Jünger, Broch, Niebelschütz, Celan, Bobrowski, Andersch, Kaschnitz, Langgässer, Morgner, Blumenberg, Pastior, Sebald hin zu Rühmkorf, Sarah Kirsch, Martin Walser und Botho Strauß. Vom simplen Gehäuse über die Lust an der Liste und am Netzwerk bis zum Kern jeder Ordnung: ihrem Geheimnis.
1. Schiller zerfällt
Ein Dramen-Fragment von Schiller – Die Maltheser – wird nach seinem Tod zerschnitten. Kreuz und quer, Sätze brechen ab, Zusammenhänge gehen verloren. Die Schnipsel werden als Reliquien an Verehrer verteilt, als solche kauft das Archiv sie zurück. Manche lassen Schillers Schreibordnung ahnen: beteiligte Personen, Vorstufen zu Dialogen werden erkennbar. Andere bleiben rätselhaft.
2. Alexander von Humboldt packt
Der Anfang aller Ordnung liegt im Raum; das Wort »«Aufräumen« sagt alles. Innerhalb des Raums werden Unterräume gebildet. Schränke, Schubladen, Kisten, Mappen, Schnüre und Siegel bergen einen Inhalt, verbergen ihn vor neugierigen Blicken. Manchmal verraten sie ihn erst, setzen Gerüchte in die Welt, laden zu Mutmaßungen ein. Gelegentlich reicht zum Geheimnis schon ein Etikett: das »Kistchen« von Hermann Hesse, die »Jugendscheiße« von Peter O. Chotjewitz, Humboldts »Briefe des Königs und anderes«.
3. Rudolf Borchardt sammelt
Wer war der erste Schriftsteller? Die Antwort im Scherz: Odysseus, der Listenreiche. Schriftsteller sammeln fast alles, eigene Einfälle, Steine, Zettel und Zitate, Verben und Adjektive. Sie notieren, halten fest und listen auf. Für alle Fälle. Rudolf Borchardt sammelt Pflanzennamen, Felix Hartlaub Synonyma, Jean Paul Besucher, Mascha Kaléko Städte, Ernst Heimeran Geistesblitze und Kurt Tucholsky einfache ›schöne Stellen‹.
4. Alfred Andersch plant
Sobald die Sammlung in eine Richtung zielt, wird sichtbar, wo ihr Herz schlägt. Themen und Motive zeichnen sich ab, Orte, Farben, Töne und Figuren eines Gedichts, einer Erzählung, eines Romans. Bisweilen scheinen Werk und Wirkung im Kopf des Schöpfers schon vollendet. Fix und fertig: Erich Kästners ungeschriebener Roman und Ernst Jüngers Zwille. Dagegen erst mit dem Stift in der Hand, aus Schaubildern, Formeln, Spielfeldern, Schaltplänen und Netzdiagrammen entstanden: Alfred Anderschs Efraim und F.C.Delius’ Siemenswelt. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Manche zielen wie Wilhelm Lehmann monatelang auf nur wenige Worte.
5. Hermann Hesse puzzelt
Die Idee vom Werk lässt Schriftsteller zu Handwerkern werden. Manche lassen die Kinder ihrer Phantasie in fremden Nestern schlüpfen, andere greifen zu Schere und Klebstoff, um ihre Vorstellungen vom Aussehen des Werks umzusetzen: Formate, Papiersorten, Bebilderungen, Schrifttypen und Heftungen werden bedacht. Der Autor als Bastler baut sich eine Leiter zur Transzendenz. Hermann Hesse setzt seine Elise als Puzzle mit Lücken zusammen. Christian Morgenstern fasst die Galgenlieder mit einem Hufeisen in einen Glücksbringer, sobald man ihn umgekehrt zu nehmen weiß. Eduard Mörike denkt im Formatwechsel über menschliche Größe nach. Gottfried Benn schenkt dem Wort letztlich doch den Raum für einen Satz. Und Ernst Jünger baut Texthäuser für die Ewigkeit.
6. Rainer Maria Rilke zählt
Die Ordnung der Kunst kommt aus der Kunst: Die Metrik bereitet den Boden für Gedichte. Reimwörter und Silbenzahlen sind ihr Gerüst. Auch dicke Romane sind nicht weniger ordentlich, werden nach allen Regeln der Kunst durchbuchstabiert. Ihre Schöpfer unterwerfen sich dem strengen Regelwerk, um zu zeigen, wie viel wilde Energie sie aus ihm schlagen können. Manche, wie Ernst Jandl oder Oscar Pastior, versuchen ihm durch übertriebene Ordnung ganz zu entkommen. Rainer Maria Rilke zählt bei den Gedichten an die Nacht tatsächlich Sternchen: sechs an der Zahl, als blicke er zum Sternbild der Plejade, dem magischen Siebengestirn, von dem das bloße Auge ein Himmelslicht weniger erkennt. Paul Celan findet überall eine Unzahl eigenartiger Wörter. W.G. Sebald lässt die hypotaktischen Wirbel von Theodor W. Adorno mit einem Handstrich aufleuchten.
7. Else Lasker-Schüler träumt
Wie alle Künste nährt die Literatur den Traum von einer besseren Ordnung, einer gerechteren Welt, einer zweiten Schöpfung. In ihren Werken ordnen die Schriftsteller die Wirklichkeit neu. Sie planen wie Wolf von Niebelschütz für die Kinder der Finsternis eine Landschaft in Pink oder wie Irmtraud Morgner für die Trobadora Beatriz ein Dasein in Zeitsprüngen. Else Lasker-Schüler erträumt sich 1002 Lebensjahre, Friedrich Georg Klopstock eine Schar Gleichgestimmter. Andere lassen sich durch Götterordnungen, Planetenspiele oder wie Michael Ende durch die Uhr verzaubern.
8. Diotima ordnet sich ein
Die Ordnungskraft der Literatur stößt an Grenzen. Die Wirklichkeit bricht in das Spiel ein, zerstört den Traum, beeinflusst die schöpferische Arbeit der Schriftsteller, verändert die Vorzeichen. Rahmen und Füllung werden politisch, wie bei Alfred Döblin, Hermann Broch und Gustav Sack, oder intim, wie bei Paul Celan, Gottfried Benn, Friedrich Nietzsche, Friedrich Hölderlin und Diotima. Marie Luise Kaschnitz, Arthur Schnitzler, Sarah Kirsch und Martin Walser finden aus ihrer täglichen Buchführung heraus Wege zum Werk. Das Stammbuch Achim von Arnims birgt Literatur wie Leben in einem roten Gehäuse.
Die Ausstellung wird vom Marbacher Katalog 61 begleitet.
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