Archiv der Wechselausstellungen
Mignon oder Goethes Kunst, Sätze zu bauen
Ausstellen ist das Exponieren von Dingen in einem realen Raum. Literatur ist das Exponieren von Buchstaben und Wörtern in einem imaginären Raum. Diese minimalen Gleichungen sind der Ausgangspunkt unserer Idee, die das Paradox jeder Literaturausstellung (zeigen, was nicht zeigbar ist, weil es durch sukzessives Entschlüsseln von Zeichen im Kopf entsteht und nur in der Erinnerung an Lektüren fassbar ist) durch Bescheidenheit des Ziels unterlaufen möchte: Wir möchten nicht mehr und natürlich auch nicht weniger, als den Besuchern durch eine andere Form der Lektüre – die Exposition von Wörtern im realen Raum – die ästhetische Erfahrung einer Passage aus dem zweiten Buch der Lehrjahre zu erleichtern, in der Mignon die Hauptrolle spielt.
In dieser Passage mit ihren 402 Wörtern, 397 Leerzeichen, 75 Satz- und Pausenzeichen (50 Kommas, 20 Punkten, einem Ausrufezeichen und vier Absatzmarken) zeigt Mignon ihre Kunst, exponiert ihren Körper und ihr Wesen, analog zu den mit gemessenen Schritten sich entfaltenden Sätzen. Wir haben Goethes Text auf einen Filzteppich gedruckt, der so im Raum liegt, dass die Besucher durch diesen Einführungstext mit seiner weithin sichtbaren Überschrift an den Anfang geführt werden und dann die Wörter von oben nach unten, von links nach rechts abgehen können. Die optisch-akustischen Maßeinheiten der Prosa sind mit beleuchteten, unter dem Teppich verkabelten Gegenständen (konkret: Plastikostereiern, weil diese anders als die abstrakte Form, der Tischtennisball, keine Naht haben) markiert, so dass die Besucher über sie buchstäblich hinwegschauen müssen und sogar hinwegsteigen oder -hüpfen können, um den Text zu lesen.
Beitrag des Literaturmuseums der Moderne zur Ausstellung »Wie stellt man Literatur aus? Sieben Vorschläge zu Goethes 'Wilhelm Meister'« im Frankfurter Goethe-Haus.
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