Archiv der Wechselausstellungen
1912. Ein Jahr im Archiv
»Was also war 1912? Im Literaturmuseum der Moderne in Marbach hat man sich die Frage – ausgehend von Jauss' These – gestellt und nach Antworten gesucht: freilich nicht, indem man, was wohlfeil und zugleich attraktiv gewesen wäre, den historischen, politischen oder gesellschaftlichen Hintergrund zu ein paar Schlüsseltexten des Jahres ausleuchtet. Kafkas Typoskript käme dann vor ein Bild der Titanic zu stehen, Jakob van Hoddis' handschriftlich überliefertes Gedicht wäre illustriert mit Zeugnissen und Bildern der zunehmenden Militarisierung in diesen Jahren. Nein, man ging die Sache subtiler, man möchte sagen: kunstvoller an. Die Ausstellungsgestalter durchstöberten das Archiv nach Fundstücken aus dem Jahr 1912. Sie gingen von acht Exponaten aus, die je für sich einen Aspekt vergegenwärtigen: Neben Kafkas Brief sind dies das Gedicht Zone von Guillaume Apollinaire, Harry Graf Kesslers Tagebuch, Skizzen des Expressionisten Erwin Loewenson, Aufzeichnungen von Heinrich Mann, Rilkes Notizen aus Duino sowie Erstdrucke von Gottfried Benn (Kleine Aster aus dem Band Morgue) und Carl Einstein (Bebuquin). Zu diesen Leittexten konstelliert die Ausstellung unter einem bisweilen vielleicht etwas undurchschaubar gewählten Stichwort (Schnitt, Schrift, Glanz, Rausch usw.) eine Auswahl der im Archiv gefundenen Dokumente. 1912 wird darum zunächst einmal fassbar in den archivalischen Sedimenten. Den Besuchern erschliesst sich mit dem ersten Blick auf die hintereinander gestaffelten Vitrinen der Ausstellung ganz ungezwungen eine Anschauung davon, wie kulturelle Prozesse hier aufgefasst und abgebildet werden: als Konstellationen, Schichtungen und Überblendungen des Disparaten in der historischen Gleichzeitigkeit. Darin wird der Zufall des zeitlichen Nebeneinanders sinnfällig, indem die verschiedenen Dokumente nicht allein für sich, sondern gleichsam im polyfonen Stimmengewirr für die Zeit und darum füreinander sprechen. Und weil der Zufall gewiss auch bei den Recherchen im Archiv seine Hand im Spiel hatte, ergibt sich aus der Konzeption der Ausstellung gleichsam ein mimetisches Abbild dessen, was hier präsentiert werden soll. Der Zauber des Suchens und das Glück des Findens verbinden sich hier zur Kunst der Konstellation.« Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung
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